Du hast schon einige Wandertouren unternommen und möchtest gerne mal höher hinaus? Wenn Du Lust auf eine fordernde Bergtour mit Eiskontakt hast, dann sind Hochtouren das Richtige für Dich. Hochtouren sind anspruchsvolle Unternehmungen in hochalpinem Gelände: Sie gelten als die Königsdisziplin im Bergsteigen. Wir erklären Dir, auf was Du bei der Planung und Durchführung achten musst. Komm mit uns auf Dein erstes hochalpines Abenteuer!

Das wichtigste Merkmal und gleichzeitig eines der größten Gefahrenpotentiale ist die Gletscherlandschaft, durch die Dich Dein Weg führt. Diese findest Du in Gelände über einer Höhe von 2.500 Meter. Aufgrund der Spaltensturzgefahr in vergletschertem Gelände erfordern Hochtouren besondere Kenntnisse in Sicherungs- und Bergungstechnik und dem Gebrauch von Seil, Steigeisen und Eispickel. Auf jeden Fall solltest Du vorab einen Kurs belegen. Wir erklären Dir hier schon mal, was Du unbedingt beachten musst und geben Dir Tipps für den Einstieg.

INHALT
1. Was ist das Besondere an Gletscherwanderungen?
2. Das musst Du dringend vor Deiner ersten Gletschertour beachten
3. Diese Ausrüstung brauchst Du – und so packst Du
4. So legst Du Steigeisen richtig an – und gehst damit sicher
5. Basic-Know-How in Spaltenbergung
6. So planst Du Deine erste Gletschertour

1. Faszination Hochtouren: Was ist das Besondere an Gletscherwanderungen?

Moräne mit Gletscher im Hintergrund. | © celeste clochard / Fotolia.com

Schnee und Eis im Sommer? Ja, Du hast ganz richtig gelesen. Bei einer Hochtour bewegst Du Dich in hochalpinem Gelände oberhalb der Nivalzone – einer Zone mit ganzjähriger Eisbedeckung. Dein Weg führt Dich auf Deiner Tour erst durch normales Wandergelände, bis Du am Fuße der Moräne ankommst – einem riesigen Schutthaufen, der vom Gletscher vor sich hergeschoben wird. Die Moräne ist der Vorbote des Gletschers. An den Ausläufern des Gletschers ist das Eis zumeist aper, das heißt, es ist blank.

Saison von Juli bis September

Zu Beginn der Saison im Juli findest Du auf dem Gletscher noch Schnee vom Winter vor. Der schmilzt bis zum Ende der Saison im September. Der Schnee hat den Vorteil, dass die Brücken, die sich durch den gepressten Schnee gebildet haben, noch verhältnismäßig stabil sind. Mit zunehmenden Temperaturen werden die Brücken instabiler und die Spaltensturzgefahr steigt nochmals. Spalten entstehen, weil der Gletscher ständig in Bewegung ist – er fließt. Trifft der Gletscher auf Fels, einen anderen Gletscher oder überwindet er Stufen und bricht abrupt ab, entstehen an diesen Bruchstellen Spalten, die bis zu 50 Meter und tiefer sein können.

Unberührte Natur und extreme Bedingungen

Auch wenn Du viel Know-how für Hochtouren benötigst, ist gerade der Entdecker- und Abenteuerfaktor dabei faszinierend. Du musst Dich auf Dich und das Können Deiner Seilpartner verlassen, die Tour im Detail vorbereiten und immer voll konzentriert unterwegs sein. Dafür wirst Du mit einsamen Landschaften, atemberaubenden Ausblicken über tiefer gelegene Gipfel und Täler belohnt, die mit viel Glück in einem wattigen Wolkenmeer eingebettet sind.

In unserem Interview mit Gerlinde Kaltenbrunner spricht die Extrembergsteigerin über die besondere Faszination, die von Hochtouren ausgehen: » Tipps für Hochtouren-Einsteiger von Gerlinde Kaltenbrunner

2. Faszination Hochtouren: Das musst Du dringend vor Deiner ersten Gletschertour beachten

Tief unter dem Gletscher | © Goinyk / Fotolia.com

Bei Hochtouren gibt es eine oberste Regel, die Du immer beachten solltest: Geh niemals alleine auf Tour. Vielmehr solltest Du in Seilschaften von mindestens zwei, aber besser noch drei bis fünf Personen unterwegs sein. Mehrere Personen, die mit einem Gletscherseil verbunden sind, können einen Sturz in eine Gletscherspalte abfedern und/oder eine Bergung einleiten.

Bist Du jedoch ohne Begleitung und/ oder ohne Seil unterwegs, kann ein Spaltensturz mitunter tödlich enden. Als Einsteiger solltest Du vor Deiner ersten Hochtour einen Gletscherkurs (zum Beispiel beim Deutschen Alpenverein) absolvieren und zunächst an geführten Touren teilnehmen. Vor jeder Saison oder sogar Tour musst Du Dir das wichtigste Know-How noch einmal vergegenwärtigen.

Kondition – und Konzentration!

Eine Gletschertour dauert meistens zwei Tage – die erste Etappe führt Dich vom Tal zur Hütte, auf der Du übernachtest, um dann am nächsten Tag sehr bald am Morgen (entsprechend der Länge der Tour und angesagten Temperaturen zwischen vier und sechs Uhr morgens) Richtung Gletscher und Gipfel aufzubrechen. Voraussetzungen für eine Tour sind neben viel Know-How, das wir im Folgenden erläutern werden, auch Trittsicherheit und eine sehr gute Kondition. Eine mehrtägige Gletschertour geht an die Substanz – weil sie zusätzlich zur Länge und dem umfangreichen Gepäck auch extra viel Konzentration von Dir verlangt.

3. Faszination Hochtouren: Diese Ausrüstung brauchst Du – und so packst Du

© Oliver / Fotolia.com

Die Ausrüstung für eine Gletschertour ist sehr umfangreich, weil Du auf Deiner Tour immer damit rechnen musst, selbst in eine Spalte zu fallen oder andere Menschen bergen zu müssen. Diese Ausrüstung gehört in Deinen Rucksack:

Bekleidung und Ausrüstung am Körper:

  • Rucksack mit Regenhülle: Die Größe von 35 bis 40 Litern ist optimal, um die notwendige Ausrüstung mitzuführen. Achte darauf, dass außen am Rucksack Materialschlaufen angebracht sind.
  • steigeisenfeste oder bedingt steigeisenfeste Bergschuhe: Die Bergschuhe variieren in Steifigkeit und Art, wie man das Steigeisen befestigt.
  • Klettergurt: Diesen benötigst Du, um Dich ins Seil einbinden zu können. Es gibt spezielle, ultraleichte Klettergurte für Hochtouren.
  • Kletterhelm: Notwendig bei Steinschlaggefahr.
  • Steigeisen: Notwendiges Utensil bei Touren auf aperem Gelände.
  • Eispickel: Wichtig bei Spaltenbergung, als Gehhilfe, aber auch als Anker bei Rutschunfällen.
  • Gletscherbrille: Essentiell, weil die Sonneneinstrahlung auf dem Gletscher sehr viel stärker ist.
  • Handschuhe: Kälteschutz und Schutz der Hände bei Stürzen.

Ausrüstung für Seilschaft und Spaltenbergung:

  • Seil (je nach Tour und Anzahl der Teilnehmer 30, 40, 50 Meter)
  • Karabiner
  • Reepschnüre
  • Bandschlingen
  • Eisschrauben
  • Teleskopstöcke

Weitere Ausrüstung:

Beim Packen Deines Rucksackes solltest Du systematisch vorgehen. Natürlich musst Du auf dem Weg vom Tal zur Hütte alles dabei haben. Doch wenn Du am nächsten Morgen zum Gipfel aufbrichst, kannst Du einen Teil Deiner Ausrüstung (also unwichtige Kleidung, Schlafsack, Waschsachen) in einer Tüte auf der Hütte lagern. (Vorausgesetzt, Dein Rückweg führt Dich wieder an der Hütte vorbei.)

Ansonsten solltest Du weniger Wichtiges wie Kleidung ganz unten im Rucksack verstauen. Deine Gletscherausrüstung sollte einfach zur Hand sein, damit Du am Rande des Gletschers schnell bereit bist. Alle relevante Ausrüstung zur Gletscherbergung solltest Du entweder am Körper (Klettergurt) tragen oder griffbereit oben auf dem Rucksack anbringen.

4. Faszination Hochtouren: So legst Du Steigeisen richtig an – und gehst damit sicher auf dem Gletscher

Steigeisen müssen richtig sitzen. | © yanik88 / Fotolia.com

Steigeisen sind sehr wichtig für Dich, wenn Du in steilerem, aperem Gelände unterwegs bist. Das ist bei Hochtouren keine Seltenheit. Bei Einsteigertouren bist Du mit einem Allrounder gut bedient. Diese passen durch ihre Riemenbindung an alle herkömmlichen Bergschuhe. Das trifft auch für die leichten Modelle aus Aluminium zu. Für bedingt steigeisengeeignete Schuhe kannst Du aber auf Steigeisen mit Kipphebel-Bindung zurückgreifen, die an der Schuhspitze mit einem Körbchen und einem Befestigungsriemen angebracht werden. Der Kipphebel sorgt für einen besseren Halt und mehr Stabilität.

Vor dem ersten Einsatz stellst Du die Steigeisen auf Deine Schuhgröße ein und setzt die Antistollplatten ein. Probiere auch vor der Tour aus, wie die Steigeisen anzulegen sind. Beim Gehen solltest Du auf kurze Schritte achten und vermeiden, mit den Steigeisen an Deinen Hosenbeinen hängen zu bleiben. Auf eishartem Grund setzt Du die Steigeisen mit allen Zacken auf; in Gelände, das steiler ist als 35 Grad nutzt Du nur die Frontzacken.

5. Faszination Hochtouren: Basic-Know-How in Spaltenbergung

© photonic / Fotolia.com

Eine Gletschertour ist sehr ausrüstungsintensiv, weil Du auf jeden Notfall vorbereitet sein musst. Zunächst sollte alles darauf ausgelegt sein, einen Spaltensturz zu vermeiden. Die richtige Routenwahl spielt dabei eine große Rolle (mehr dazu im letzten Punkt).

Das Thema Spaltenbergung ist so umfangreich, dass wir Dir im Folgenden nur einen kurzen Überblick geben können. Den genauen Ablauf aller Bergungsmethoden lernst Du in einem Gletscherkurs, der Pflicht ist!

Seilschaft: Es ist wichtig, immer in Gruppen von mindestens zwei Personen, besser drei, unterwegs zu sein. Ein Seil zum Einbinden aller Beteiligten ist unerlässlich. Seid ihr zu zweit auf Tour, muss der Abstand eures Seils 15 bis 18 Meter haben, bei drei Personen zehn bis zwölf, ab vier Teilnehmern acht bis zehn. Du bindest Dich in das Seil „indirekt“ ein. Das erreichst Du, indem Du in Dein Seil einen Achterknoten knüpfst und in die dadurch entstehende Schlinge einen Karabiner einhängst. Diesen befestigst Du an Deinem Klettergurt.

Bergungsmaßnahmen müssen eingeleitet werden, wenn eine oder mehrere Personen in eine Gletscherspalte gerutscht sind. Wichtig ist, dass alle verbliebenen versuchen, den Rest der Seilschaft abzufangen. Sobald die Seilschaft stabil steht, kann mit der Bergung des Abgestürzten begonnen werden. Überprüfe, ob Du noch mit der verunfallten Person reden kannst oder ob sie womöglich das Bewusstsein verloren hat. Wichtig ist: Ruhe bewahren! Je nach Gruppengröße greifen unterschiedliche Maßnahmen zur Rettung.

Mannschaftszug: Bei vier und mehr Personen in der Seilschaft erfolgt die Bergung mithilfe des Mannschaftszugs. Dafür zieht die komplette Mannschaft am Seil. Ohne zusätzliche Maßnahmen wird der Verunfallte aus der Gletscherspalte herausgezogen. Du solltest darauf achten, dass ihr beim Herausziehen den Verletzten nicht an den Rand der Spalte drückt, weil er sich so weitere Verletzungen zuziehen kann. (Wirbelsäulenbruch!) Der Mannschaftszug muss ruhig und geordnet vonstatten gehen. Ein untergelegter Eispickel vermeidet ein weiteres Einschneiden des Seils in den Gletscherrand.

Lose Rolle: Wenn Du einer Seilschaft mit weniger als vier Personen angehörst, führst Du eine Bergung mittels einer fixen Verankerung am Spaltenrand durch. Um die lose Rolle durchführen zu können, muss zunächst eine Lastübertragung erfolgen. Bei einer Dreier-Seilschaft ist das die zweite Person. Sie muss einen sicheren Standplatz bauen. Als Fixpunkt dient bei wenig Schnee und entsprechender Eisschicht eine Eisschraube oder bei guter Schneeauflage ein T-Anker, der mit einem Eispickel gebaut wird. Der Dritte in der Seilschaft muss in der Zwischenzeit das Seil halten. Der Zweite in der Seilschaft bringt dann eine Reepschnur mit Prusikknoten am Seil an und hängt die Reepschnur am Fixpunkt ein. Die Last wird so auf die Verankerung übertragen. Der Dritte sichert sich am Seil mit einer Reepschnur und Prusikknoten und wandert am Seil entlang zum Spaltenrand. Was dann folgt, ist die lose Rolle, bei der der Verunfallte mit einem Karabiner ins Bergungsseil eingehängt wird.

Selbstrettung: Außerdem ist eine Selbstrettung möglich, indem sich der Verunfallte selbstständig am Seil „aufprusikt“. Prusik ist ein Knoten, der es ermöglicht, sich nach oben entlang des Seils zu bewegen, aber nach unten fungiert der Knoten als Sperre, weil er sich selbst blockiert.

Wichtig ist: Dein Seil sollte immer gespannt sein, denn Schlappseil musst Du am Gletscher dringend vermeiden. Nur so hast Du die Chance, einen möglichen Sturz zu halten.

Erste-Hilfe: Sobald der Verunfallte geborgen ist, müssen seine Körperfunktionen überprüft und wenn nötig Hilfe gerufen werden. Wie das genau funktioniert, erklären wir in diesem Text: » Erste Hilfe für den Notfall. Die wichtigste Maßnahme ist in diesem Fall, den Verletzten warm zu halten. Dafür dient eine Rettungsdecke.

6. Faszination Hochtouren: So planst Du Deine erste Gletschertour

© Guillaume Besnard / Fotolia.com

Viele Bergtouren in höheren Lagen schließen eine Gletscherüberquerung mit ein. Das hochalpine Gelände erfordert insgesamt ein gutes bis sehr gutes bergsteigerisches Können und ist in Selbstdurchführung nur erfahrenen Bergsteigern empfohlen. Für Einsteiger ist eine geführte Tour sehr ratsam.

Diese Planungs-Tipps solltest Du bei eigenen Touren immer beachten:

Aktuelle Verhältnisse: Erkundige Dich vor Ort beim Hüttenwirt oder beim Bergführer über aktuelle Verhältnisse auf der Tour. Wie hoch ist die Schneeauflage, wie stabil die Brücken?

Starte früh: Gletschertouren sind meist sehr lang, weil Du erst in bestimmte Höhen aufsteigen musst. Zwei Tage inklusive Hüttenübernachtung sind die Regel. Am Morgen des zweiten Tages musst Du dann sehr früh starten, weil die Schneebrücken durch den Temperaturanstieg im Tagesverlauf instabiler werden und die am Morgen noch hart gefrorenen Firnhänge tauen auf. Die Gefahr von Lawinenabgängen und Steinschlag steigt an. Früh bedeutet hier: vier bis sechs Uhr. Hört sich für manche nach Horror an, aber bisher hat sich noch immer bewahrheitet, dass sich das frühe Aufstehen lohnt.

Ziehe Handschuhe und ausreichend warme Sachen an: Obwohl es im Sommer auch auf dem Gletscher sehr warm werden kann, musst Du trotzdem lange Kleidung und Handschuhe tragen. Sollte es nämlich zu einem Sturz in steilem Gletschergelände oder in eine Spalte kommen, musst Du Deine Haut auf diese Weise vor Verletzungen und Schürfwunden schützen.

Kartenmaterial und GPS: Vor Spalten bist Du streng genommen nie sicher. Sie können überall auftreten. Dennoch gibt es Zonen, zum Beispiel bei Abbrüchen oder nahe am Gletscherrand, in denen mehr Spalten auftreten. Diese Zonen sind grob auch in Hochtourenkarten gekennzeichnet. Außerdem findest Du in den Karten auch eingezeichnete Routen, an denen Du Dich orientieren kannst.

Genügend Wasser und Energiefutter: Eine Gletschertour ist extrem anstrengend und kräftezehrend. Du solltest darauf achten, Deine Speicher ständig wieder aufzuladen. Wasser (am besten im Trinksack mit Schlauch) und Energieriegel oder Studentenfutter gehören in Deinen Rucksack.

Gipfelaufbau: Gipfel im hochalpinen Gelände sind meist schroff und erfordern leichte bis schwere Klettereinlagen von Dir. Wenn zusätzlich das Gelände vereist ist, ist Vorsicht geboten. In diesem Fall ist das Anlegen der Steigeisen unerlässlich.

Allgemeine Gefahren am Berg: Zusätzlich solltest Du Dich darauf einstellen, dass viele weitere Gefahren am Berg lauern, wie extreme Wetterumschwünge, Gewitter oder auch Selbstüberschätzung. » Hier erfährst Du mehr über Tücken und wie Du ihnen (präventiv) begegnest

Akklimatisierung: Nicht nur der Mount Everest erfordert eine Gewöhnung an die Höhe. Möchtest Du einen 4.000er erklimmen, empfehlen sich, zuvor mehrere Touren in einer Höhe von 2.500 bis 3.500 Metern zu unternehmen. Auch das Übernachten in etwa 2.500 Metern Höhe begünstigt die Anpassung an die Höhe.

Titelbild: © Guillaume Besnard / Fotolia