Als Skitourengeher hat man es nicht leicht. Kaum hat man eine Nischensportart als Alternative zum klassischen Pistenskilauf aufgetan, läuft man auch hier mit den Massen den Berg hinauf. Obendrein muss man sich von selbst ernannten Experten oft einiges anhören, was einem die Steighilfen unter den Sohlen aufstellt …

Es gibt Kommentare, die hört kein Skitourengeher gerne – obwohl, oder vielleicht gerade weil sie regelmäßig Anwendung finden. Wir erläutern Dir fünf der unbeliebtesten Sätze – natürlich mit einem kleinen Augenzwinkern. Das sollte man schließlich immer im Skitouren-Gepäck haben, egal ob Anfänger oder Profi. Aber nun, Vorhang auf:

1. „Die Tour geht auch bei ’nem 3er.“

Skitour auf den Botzer - Südtirol
© Ernst/ Fotolia

Zwei Seelen schlagen in des Skitourengehers Brust. Nie wird das so deutlich wie bei Lawinenwarnstufe (LWS) 3: Soll ich oder soll ich nicht? Die Unfallstatistik, die fast 60 Prozent aller Lawinenopfer bei Lawinenwarnstufe 3 verzeichnet, sagt „nein, lieber nicht“. Das Skitourengeher-Herz aber jammert: „Aber sonst wird das nie was in diesem Winter!“

Doch der schlaue Tourengeher glaubt, diesem inneren Konflikt fachmännisch zu begegnen zu können. Schließlich gibt es eine ganze Reihe von Analyse-Tools zur Beurteilung der Lawinengefahr, die einem genau solche Entscheidungen erleichtern sollen: 3×3, NivoTest, SnowCard, Stop or Go oder das Lawinen-Mantra – bloß welches war jetzt nochmal die aktuell empfohlene Methode und wie funktioniert die genau?

Leben vor Freundschaft

Zwei Recherchetage später beginnt sich der Dschungel zu lichten, aber der Freund drängt: „Was ist denn jetzt? Gehen wir oder nicht?“ Halt, nur noch schnell alle Parameter eingegeben, die von der Risikoreduktionsmethode nach Werner Munter verlangt werden: Exposition, Steilheit und … – oh je, der Lawinenlagebericht muss ja tagesaktuell sein dafür. Eine Entscheidung lässt sich wohl erst kurzfristig am Morgen treffen. Der Skitouren-Partner wird ungeduldig. Die Aussage „Wir könnten ja mal ’ne Alternativtour andenken, nur für alle Fälle …“ wird mit hochgezogenen Augenbrauen kommentiert. „Dann gehe ich halt mit dem Paul, wenn du nicht magst.“

Bähm, das hat gesessen. So eine LWS 3 hat eben das Potenzial von Dynamit, auch ganz ohne Schnee. Wer sich also nicht ganz genau auskennt, dem sei geraten: Leben vor Freundschaft!

2. „Die Skitour geht auch bei ’nem 4er.“

Skitour
© ARochau / Fotolia

Ähnlicher Satz, völlig andere Wirkung. Denn der fortgeschrittene Skitourengeher weiß: Entweder spricht hier ein lebensmüder Irrer oder es ist die Rede von einer Pistenskitour. Die paar Draufgänger, die eine „ordentliche“ Skitour bei LWS 4 ins Auge fassen, mal ausgenommen, kann man mit hoher Wahrscheinlichkeit sagen: Es wird langweilig.

Zumindest was die skitourentechnischen Ansprüche anbelangt. Denn bei Warnstufe rot auf der fünfstufigen Lawinenwarnskala werden flache Forstspaziergänge aus dem sonntäglichen Spazier-Repertoire der Großeltern hervorgekramt und dicht bewaldete Mini-Erhebungen in Betracht gezogen – oder eben jene besagten Skipisten, die auch bei Anfängern sehr beliebt sind.

Tourentrubel am Rande

Im Schutz des plattgewalzten Schnees wälzen sich auch all diejenigen nach oben, die sich in ihrer Risikoeinschätzung nicht ganz sicher sind. Und das sind eine ganze Menge. In der Tat so viele, dass Pistenbetreiber zu den unterschiedlichsten Maßnahmen greifen (müssen), um die zahlenden Liftfahrer von den aufsteigenden und oft viel Raum einnehmenden Tourengeher-Horden zu schützen.

So verbieten einige Skigebiete generell den Aufstieg am Rand der Piste, andere verlangen eine spezielle Gebühr fürs Bergaufgehen mit zwei Latten an den Füßen und wiederum andere begrenzen den Tourentrubel auf bestimmte Zeiten. An die sich nicht alle Tourengeher halten und dann dem lebensgefährlichen Windenseil der Pistenraupe bedrohlich nahe kommen. Also auch dort, auf der Piste, lauern Gefahren bei LWS 4.

3. „Soll ’ne ganz einsame Tour sein. Stand im Internet.“


Mit der viel gerühmten Bergeinsamkeit ist das so eine Sache. Ganz generell und beim Skitourengehen im Besonderen. Nicht, dass Skitourengeher keine geselligen Menschen wären, nein. Aber bitte nicht dort, wo sich die erste Spur in den frischen Pulverschnee ziehen ließe oder am Ausgangspunkt nur fünf Parkplätze vorhanden sind. Das kann schon mal zum Wettlauf um den ersten Platz führen, ergo sehr frühes Aufstehen und einen Aufstieg in eisiger Kälte zur Folge haben. Dann lieber gleich eine wenig begangene Tour suchen. Die natürlich – wie kann es auch anders sein – irgendeinen Haken haben muss, um sich dieses Prädikats rühmen zu können.

Suche nach dem Skitour-Geheimtipp

Aber irgendwo muss es sie doch geben, diese eine Tour, die bislang aus unbekannten Gründen und völlig zu Unrecht schändlich vernachlässigt worden ist. Die vielleicht nur einen klitzekleinen Haken hat, der sich am Ende vielleicht noch als Glücksfall entpuppt. Ein etwas zu langer, zu ebener Zustieg vielleicht, der durch ein wildromantisches Tal führt? Ein Gipfel, dem ein paar Meter zur 3.000er-Marke fehlen – eine Grenze, über die der Skitouren-Enthusiast natürlich erhaben ist? Oder ein Ziel neben dem Modeberg, der die Massen zum Nachbargipfel lockt?

Wer keinen persönlichen VIP-Tipp parat hat, muss recherchieren: im Internet. Suchbegriffe „Skitour, Geheimtipp“. Schon gibt es Ergebnisse en masse. Da! Die Beschreibung klingt verlockend, gleich den Kumpel angerufen: „Soll noch ’ne einsame Tour sein. Erst kürzlich entdeckt von einem im Forum, der immer ganz wilde Sachen abseits des Mainstreams postet.“ Doch der Freund winkt ab: „Kommt mir bekannt vor. Hat der DAV gestern als Tour der Woche im Newsletter erwähnt.“ Und weiter geht die Suche.

4. „Die Skitour ist auch bei Schneeschuhgehern beliebt.“

© Franco Visintainer / Fotolia

Bei diesem Satz schrillen gleich mehrere Alarmglocken beim Skitourengeher. Zuerst einmal ein schneller Verdacht: Handelt es sich hier etwa um einen elendigen Waldhatscher? Denn das, was Schneeschuhgeher in Verzückung versetzt – romantische Wälder, frisch verschneit –, ist mit Skiern an den Füßen oft ein Graus. Hakelig um alle Bäume herum manövrieren, die einem anschließend sowieso den Abfahrtsgenuss verderben, dazu noch geringe Schneeauflage im Wald – nein, danke.

Doch die Schneeschuhgeher – die sich im Übrigen zu den Skitourengehern verhalten wie die Mountainbiker zu den Wanderern – halten sich natürlich nicht nur unterhalb der Waldgrenze auf, sondern streben auch höheren, alpineren, ja, Skitouren-Zielen zu. Hier beginnt das eigentliche Dilemma.

„Smooth gliding ade“

Steile Hänge sind für diejenigen mit Brettern bzw. Carbongleitern unter den Stiefeln kein Problem. Serpentinenartig im Zickzack kann der Skitourengeher mit seiner Spur die gewünschte Steigung selbst bestimmen, die Kanten beißen sich seitlich in den Hang. Vom Schneeschuhgeher werden hingegen an derselben Stelle anatomische Verrenkungen abverlangt, will er den Hang nicht direttissima (= direkt, ohne Umweg) angehen, was meistens zu steil ist.

Um bequemen Halt auf den Winterwander-Untersetzern zu finden und sich dabei die Knöchel nicht zu verdrehen, braucht er eine möglichst plane Ansatzfläche. Da kommt die Spur der Skitourengeher gerade recht! Aber die wird hart verteidigt, schließlich stören die vielen tiefen Löcher in der Spur das reibungslose In-der-Spur-Bleiben. „Smooth gliding ade“ heißt es da für viele Tourengeher, sobald sie einen Schneeschuhgeher sichten. Das Mitleid für die konkurrierende Wintersportgruppe hält sich dabei meist in bescheidenen Grenzen.

5. „Tolle Tour. 1600 Höhenmeter. Halt südseitig.“

Das Frühjahr ist da. Und mit ihm meist bessere Verhältnisse. Zumindest was die Lawinenlage betrifft. Der Schnee hat sich gesetzt und gut verbunden, statt der Sturmhaube kommt der Sonnenschutz mit. Nur leider wärmt die Sonne schon so intensiv, dass mancherorts die Unterlage dünn wird, die Lawinengefahr zum Mittag hin beträchtlich ansteigt. Nassschneerutsche sind dann das Problem, mit der bedrohlichen Masse von einer Tonne pro Kubikmeter Schnee. Die einzige Lösung: früh aufstehen und mittags wieder im Tal sein.

Kein Problem, wären da nicht die 1.600 Höhenmeter und die südseitige Lage… Wer erst spät in der Saison mit dem Tourengehen angefangen hat (Weihnachten war keine Zeit, im Januar so viel Arbeit und dann kam ja schon der Fasching), der fängt das Keuchen an angesichts der nun gesteigerten Anforderungen. Die oft noch getoppt werden durch einen „Zustieg“ zum Schnee mit den Skiern auf dem Rücken, zum Teil sogar auf dem Radl. Bequemlichkeit rächt sich also, besonders im Frühjahr.

Ja, als Skitourengeher hat man’s schon schwer…

Titelbild: © ARochau / Fotolia