Trotz der zahlreichen Waldbrände in West-Kanada konnte Schöffel-Athlet Ralf Dujmovits den schwierigen Bedingungen doch einige schöne Unternehmungen abringen. Zurück in Deutschland berichtet er in diesem Blog von seinen letzten sechs Wochen (nicht nur) in den Bergen von Alberta und British Columbien.

37° Grad kündigt der Nachrichtensprecher für Calgary und den östlichen Teil der Rocky Mountains an. Meine kanadische Partnerin Nancy witzelt zu Hause in Bühl vor der Abreise, dass es solche Temperaturen in ihrer früheren Heimat Canmore noch nie gehabt hätte….höchstens mal MINUS 37° Grad.

Als wir zwei Tage später in Calgary landen, fühlt sich das alles aber ganz anders an: Dichter Rauch, herüber geblasen von den Waldbränden in British Columbien, lässt die Sonnenstrahlen kaum durch und so fühlen sich die angeblichen 37° nach dem heißen Sommer in Mitteleuropa erst mal ganz angenehm an… wenn da nicht der Rauch das Atmen etwas schwer machen würde.

Ralf Dujmovits in Kanada auf dem Weg Richtung Rocky Mountains
Rauchig-gespenstische Stimmung auf dem Weg von Calgary Richtung Rocky Mountains. | © Ralf Dujmovits

Die Nachwehen der Herzforschungs-Studie

Mit den erhöhten Temperaturen können wir gleich nach unserer Ankunft einem ansonsten eher ‚tiefgekühlten‘ Klettergebiet am südöstlichen Rand des Banff-Nationalparks einen Besuch abstatten. Die schattigen Kalkfelsen in der Schlucht des ‚Carrot Creek‘ sind bei ‚normalen’ Temperaturen direkt neben dem eiskalten Gletscherbach nur ganz hartgesottenen Kletterern vorbehalten. An diesem Tag genießen wir unsere Kanada-Einkletter-Routen in angenehmer Frische. Und stellen fest, dass wir nach den Wochen der Höhenstudie noch etwas Nachholbedarf bei den überhängenden, eher maximalkräftigen Routen haben. ‚Aber das kommt noch‘ sagen wir uns abends – trotzdem zufrieden.

Nancy auf dem Weg zum Carrot Creek. | © Ralf Dujmovits

Das große Ziel – und kaum Sichtweite

Das Hauptziel unserer Reise wäre eine Begehung der Südwand-Route am selten bestiegenen 4.000er Mt. Waddington. Dazu fahren wir über die Rocky Mountains nach British Columbien. Dass es auch dieses Jahr schwierig werden würde, zum Berg zu kommen, war uns spätestens bei unserer ersten Tour im Cougar Creek klar.

Die Sicht war durch den allgegenwärtigen Rauch schon östlich der Rockies schlecht, was uns aber in British Columbien erwartete war dann doch etwas niederschmetternd: je nach Windrichtung betrug die Sichtweite an manchen Tagen nur wenige 100 Meter. Wir schlagen unser Basislager für einige Wartetage am südlichen Ende des 80 km langen Okanagan-Lakes auf. Zeitweise sind es weiter nordwestlich über 600 Waldbrände, deren Rauch die Strahlen der Sonne bis kaum zum Boden kommen lassen. Obwohl wir Mitte August in einer der bekannt wärmsten Ecken Kanadas unterwegs sind – Kirschen, Pfirsiche und Aprikosen gedeihen hier – ist es wegen des Rauchs angenehm kühl. Hier in den Skaha-Bluffs ist es im Sommer sonst viel zu heiß zum Klettern. So können wir die fantastischen, sehr leistenlastigen Gneis-Klettereien bei überraschend angenehmen Temperaturen genießen.

Nancy auf dem Weg zu Kletterroute in Skaha. | © Ralf D.
Ralf in einer der Top-100 Routen von Skaha.| © Nancy Hansen

Notstand in British Columbia

Inzwischen hat British Columbien wegen der sich ausbreitenden Feuer den Notstand ausgerufen und der Helikopter-Pilot, der uns ins Basislager hätte fliegen sollen, lässt uns wissen, dass er zum Löschen der Waldbrände an manchen Tagen wegen der extrem eingeschränkten Sicht noch nicht mal abheben kann. Es macht aktuell keinen Sinn länger zu warten. Selbst wenn wir in die Coast Mountains bei südlichem Wind erreichen würden, hätten wir kaum Sicht.

Blick am Nachmittag von unserem Basislager zum Okanagan-See. | © Ralf Dujmovits

Während rings herum die Wälder brennen, ist uns der Aufwand des Heli-Flugs nicht wert. So entscheiden wir uns erst mal wieder nach Alberta, westlich der Rockies zurück zu ziehen. Unterwegs legen wir noch einen Kletterstop in Revelstoke ein und freuen uns über die supersteilen und griffigen Quarzit-Klettereien und die Zelt-Nächte am Lake Revelstoke.

Einsamer Zeltplatz am Lake Revelstoke. | © Nancy Hansen

Blauer Himmel – erstmals nach 10 Tagen

Zurück in Canmore sehen wir erstmals seit 10 Tagen nach unserer Ankunft den blauen Himmel. Und wollen die Gelegenheit nutzen, umgehend einer der markantesten Felsgestalten der kanadischen Rocky Mountains einen Besuch abzustatten. Die Felsnadel „Grand Sentinel“ steht oberhalb des türkisblauen Moraine Lakes bei Lake Louise und nur alleine der Zustieg ist schieres Vergnügen. Bevor man an der Waldgrenze ankommt geht es durch einen Lärchenwald, der schon farbliche Zeichen von Herbst trägt.

Erste herbstliche Eindrücke vom Aufstieg zum Sentinel Pass, im Hintergrund der Pinnacle Peak mit 3,067 m. | © Ralf Dujmovits

„Grand Sentinel“: Beeindruckende und anstrengende Kletterei

Vom Sentinel Pass sehen wir erstmals unser Tagesziel und stehen eine Stunde später am Einstieg dieses spektakulären Quarzit-Turms. Die anhaltend schwere Kletterei stellt alles Vergleichbare in den Schatten. In steiler bis überhängender Kletterei im oberen 7. Grad schwingen wir uns jauchzend vor Freunde über die ‚Cardiac Arrete‘ nach oben. Unglaublich, was die Natur für uns Kletterer hier auf knapp 2.500 m Meereshöhe hingestellt hat. Es ist windstill an diesem phantastischen Tag und schon bald sitzen wir im T-Shirt auf dem winzigen Gipfel und genießen die Aussicht. Was ein Tag, was eine Freude.

© Ralf Dujmovits
© Nancy Hansen

Die nächsten Tage in und um Canmore verfliegen wie im Wind. Klettertraining um fit zu bleiben, Freunde besuchen, Mountainbiken und Berglaufen. Ein paar Tage aber wollen Nancy und ich uns Zeit nehmen, mal eine ganz andere Ecke von Alberta kennen zu lernen. Fährt man von Calgary Richtung Osten fangen die Prärieprovinzen Kanadas an. Weite, ebene Flächen, die durch Getreideanbau zu den wichtigsten landwirtschaftlichen Regionen der Welt zählen. Bei der Fahrt durch die endlose Weite sehen wir allerdings, dass im Westen Albertas die Erdölförderung !auf den Feldern! den Getreideanbau an Bedeutung fast überholt hat. Eine fast surreale Weite, nur unterbrochen durch die ständig rotierenden Erdölpumpen.

© Ralf Dujmovits

Und plötzlich fährt man in einen Canyon hinein, taucht in vogelwildes Ödland ein und ist plötzlich im ehemaligen Steinkohlezentrum Drumheller. Mich interessieren vor allem die einzigartigen Landschaftsformationen mit den sogenannten Hodoos und das Royal Tyrrell Museum of Palentolgogy, ein weltweit bekanntes paläontologisches Museum mit 40 vollständigen Dinosaurierskeletten aus den kanadischen Badlands. Wir sind begeistert – eines der besten Museen weltweit mit der größten Sammlung dieser Art.

Horseshoe-Canyon bei Drumheller. | © Ralf D.
In den Badlands bei Formationen der ‚Hoodos‘. | © Nancy H.

Und der Mt. Waddington?

Natürlich haben wir noch immer unseren Plan der Besteigung des Mt. Waddington im Hinterkopf. Und so fahren wir ein paar Tage später wieder nach British Columbien. Dort ist zwar der Notstand wegen der Waldbrände wieder aufgehoben, aber es brennt und raucht noch immer. Die Temperaturen des vergangen Sommers haben den Gletschern zudem schwer zugesetzt, so dass uns sowohl Kollegen als auch die Helikopter-Piloten abraten ins Basislager zu starten.

Wir haken den Mt. Waddington auch für diesen Sommer wieder ab – es hat nicht sollen sein. Erzwingen macht keinen Sinn und so gehen wir wieder zum Sportklettern an den Skaha-Bluffs. Und bereuen unsere Entscheidung hier noch ein paar Tage zu verlängern nicht. Die Klettereien sind einfach Klasse. Sportliche Klettervielfalt und Spaß ohne Ende. Und einer Klapperschlange begegnen wir auch noch. Während ich Nancy im Vorstieg sichere, rollt sie sich direkt vor mir zusammen. Dass ich Nancy in Anbetracht der massiven Ablenkung bitte umgehend wieder runter zu kommen, versteht sich fast von selbst.

© Nancy Hansen

Die letzten 10 Tage unseres Kanada-Aufenthalts wollen wir wieder in Canmore bei Freunden in den Rocky Mountains verbringen. Zwar schaltet das Wetter fast ohne Übergang von Sommer auf Winter um und es kommt zu den ersten Schneefällen, trotzdem können wir einzelne Tage nochmals nutzen um auch Mehrseillängen-Routen zu klettern. Vor allem die Tour „Des Teufels rechte Hand“ am Mt. Yamnuska begeistert uns. In wirklich gutem Fels (für Rocky-Mountain-Verhältnisse 😉 ) können wir diese Route im unteren 8. Grad nochmals voll und ganz genießen. Vor allem die letzte Seillänge durch ein großes Dach lohnt alleine die ganze Route.

Aufstieg durch Aspen-Wälder zum Mt. Yamnuska. | © Ralf D.
Steile Kletterei in „The Devil’s Right Hand“. | © Nancy H.

Danach ist aber wirklich Schluss mit lustig. Es schneit beständig und der Winter hält in diesem Jahr in den Bergen Kanadas einen sehr frühen Einzug. Zwar können wir noch einzelne Ausflüge machen, insbesondere zu den Parks in Kananaskis Country im Hinterland von Canmore, aber größere Unternehmungen fallen dem unbeständigen und kalten Wetter zum Opfer. Schade!

Das Symbol kanadischer Wildnis? Es gibt sie in der Tat! Hier eine Elchkuh in der Nähe des oberen Kananaski Sees. | © Ralf Dujmovits

Dafür sind wir fast jeden zweiten Tag bei Freunden von Nancy eingeladen. Überall werden wir schwer verwöhnt und genießen die Wärme der kanadischen Gastfreundschaft.

Die 6 Wochen unseres Kanada-Aufenthalts sind unglaublich schnell verflogen. Unser großes bergsteigerisches Ziel konnten wir zwar nicht erreichen, treten aber die Heimreise mit vielen kleineren Erlebnissen an, die unsere Reise vor allem menschlich umso wertvoller gemacht haben. Und für den Mt. Waddingten können wir ja wieder kommen – er steht mit großer Wahrscheinlichkeit auch nächstes Jahr noch. 😉

Am Olympischen Nordic-Center in Canmore ist es fast schon Winter geworden. | © Ralf Dujmovits

Ralf Dujmovits lebt mit seiner Partnerin Nancy Hansen im Schwarzwald und ist wann immer es die Zeit zulässt beim Expeditionsbergsteigen, unterwegs in den Alpen oder beim Sportklettern. Er war zwischen Schule und Medizin-Studium ein Jahr auf Weltreise, bestieg später mit Kunden die höchsten Berge aller sieben Kontinente und stand als erster (und einziger) Deutscher auf den Gipfeln aller 14 8000er. Seit 1995 ist er Mitglied im Schöffel-Athleten-Team. Der Öffentlichkeit wurde er durch die 33-stündige Live-Übertragung einer Durchsteigung der Eiger-Nordwand bekannt. Er zählt mit über 50 Expeditionen zu den erfahrensten Höhenbergsteigern und Bergführern weltweit.

Titelbild: Auf dem Larch Valley Trail bei Lake Louise zwischen Moraine Lake und Sentinel Pass; gerade jetzt im Herbst eine sehr beliebte Wanderung. | © Nancy Hansen