Mit Schlapphut und schwerem Mantel im Starthäuschen in Sölden? Die legendäre Streif mit wehendem Saumrock und Fuchspelzkragen hinabjagen? Was nach einem Schuss Wahnsinn klingt, ist nichts anderes als ein Blick in die ureigene Geschichte des alpinen Skisports.

Denn der ultradünne High-Tech-Rennanzug von Schöffel, in dem Ski-Alpin-Stars wie Marcel Hirscher oder Anna Veith heute auf die Jagd nach der Bestzeit gehen, sind der vorläufige Höhepunkt einer über 120-jährigen Geschichte des Ski-Rennanzugs voller mutiger Innovationen, schwerer Unfälle und schlüpfriger Skandale.

Ski-Pioniere in Mantel und Rock

Rock statt Funktionskleidung - Frauen in der Anfangszeit des alpinen Booms
Rock statt Funktionskleidung – Frauen in der Anfangszeit des alpinen Booms | © blantiag / fotolia.com

Doch zurück zu den Anfängen: Als das Skifahren in den 1890er Jahren von Skandinaviern – insbesondere Norwegern aus der Region Telemark – in die Alpenregion exportiert und in Deutschland, Österreich und der Schweiz erste Skivereine aus der Taufe gehoben wurden, war von Funktionskleidung noch wenig zu sehen: Männer setzten vornehmlich auf Mäntel, Strickpullover und Wollhosen.

Frauen frönten dem noch jungen Hobby bis in die 1920er Jahre noch im Rock – zumeist einer Kombination aus Sportrock und Überrock. Eine ausgesprochen unpraktische, aber für damalige Moralvorstellungen sittsame Kombination. Frauen in Hosen waren verpönt.

Um bei Stürzen intime Einblicke zu verhindern und die eigenen Röcke im Zaum zu halten, nutzten viele Skifahrerinnen ein eng anliegendes, elastisches Band um die Hüften, das sie sich nach dem Start der Abfahrt auf Kniehöhe hinunterzogen und so den Rock an den Beinen zu fixieren.

Das Problem bei Männern wie Frauen: Bei Stürzen blieb der Schnee zuhauf im Stoff hängen. Die Kleidung saugte die Feuchtigkeit und Kälte auf und gab sie direkt an den Körper weiter.

Ski-Boom schafft Markt für Sportartikel

Rekord-Weltcupsieger Ingemar Stenmark in seinem Rennanzug 1976
Rekord-Weltcupsieger Ingemar Stenmark in seinem Rennanzug 1976 | © GEPA

Dem Siegeszug des Skifahrens taten diese Widrigkeiten keinen Abriss: Der Ausbau des Eisenbahnnetzes im Ersten Weltkrieg machte die Alpen für den Tourismus zugänglich. Skischulen wurden gegründet, wiederkehrende Wettkämpfe ins Leben gerufen. Mit dem Bau erster Seilbahnen und Skilifte in den Alpen in den 1950er Jahren wurde der Sport endgültig zum Massenphänomen. Nicht mehr nur Anwohner wagten sich auf die Pisten. Der Markt für Ski-Bekleidung wuchs stetig.

Gleichzeitig wuchs auch der Ski-Alpin-Sport. Der stetig wachsenden Zahl von Wettbewerben folgte der endgültige Durchbruch der noch jungen Sportart mit der ersten Alpin-Weltmeisterschaft 1931 in München und den ersten Olympischen Winterspielen 1936 in Garmisch-Partenkirchen unter dem Dach des Internationalen Skiverbandes FIS.

Die Professionalisierung machte auch vor der Skikleidung nicht halt: Die Jagd nach Medaillen schlug die Etikette und so setzten sich bei den Athletinnen in den 1930er Jahren Bundhosen und dicke Kniestrümpfe gegen die unpraktischen Röcke durch. Frauen wie Männer gingen in Zweiteilern an den Start, die die Sportler in erster Linie warm hielten.

Die Entdeckung der Aerodynamik

Aufgerissener Rennanzug von Lindsey Vonn. Am Loch des Spyder-Rennanzugs erkennt man gut die Unterschicht
Aufgerissener Rennanzug von Lindsey Vonn. Am Loch des Rennanzugs erkennt man gut die Unterschicht | © GEPA

Aerodynamik spielte anfangs noch eine untergeordnete Rolle. Das änderte sich in den 1950er Jahren: 1952 gingen die ersten Frauen mit enganliegenden Stretchhosen an den Start. Wenige Jahre später folgte Wallace „Buddy“ Werner. Der erste Weltklasse-Alpinist aus den USA trat erstmals bei einem Alpin-Rennen im schwedischen Åre in einer enganliegenden langen Hose an, um weniger Windwiderstand zu bieten. Von den europäischen Startern wurde der erste US-Alpinstar dafür zunächst belächelt. Wenig später starteten fast alle nur noch in enganliegenden Stretchhosen, die zuvor fast ausschließlich von Frauen verwendet wurden.

Endgültig im Massenmarkt angekommen sind die hautengen Rennoutfits durch ihren Einsatz in den James-Bond-Filmen „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ (1969) und „Der Spion, der mich liebte“ (1977).

Und Schöffel war mittendrin: Mit der in den 60er-Jahren konsequenten Ausrichtung auf Wander-, Bergsport- und Ski-Bekleidung mischte auch Schöffel auf den Skipisten ordentlich mit.

Geschwindigkeitsrekorde: 200 km/h dank Plastifizierung

Was folgte, war eine jahrzehntelange Hatz nach dem perfekten Material und Schnitt: Der Österreicher Karl Schranz nutzte als einer der ersten den Windkanal zur Perfektionierung seines Rennanzugs. 1966 fiel er mit einem einteiligen Rennanzug auf. Der Speedski-Rennfahrer Steve McKinney setzte bei seiner Jagd nach neuen Temporekorden in den 1970er Jahren auf vollständig plastifizierte Einteiler, die perfekt am Körper anlagen und so extrem windschlüpfrig waren. 1978 knackte er in einem solchen Plastikeinteiler als erster Mensch auf Skiern die 200-km/h-Marke.

Der Schweizer Hans Hess trieb in seinem Atelier im Thurgauischen Aadorf die Entwicklung neuer Garne und Stoffe voran. Seine so genannte „Fischhaut“, ein extrem windschlüpfriger plastifizierter Anzug, war im Winter- und Motorsport berühmt, aber auch berüchtigt. Denn der Anzug aus vinylbeschichtetem Lycra – einer hochelastische, synthetische Kunstfaser – war zwar extrem glatt und schnell, bremste so aber auch die Athleten bei einem Sturz im Schnee oder Eis nicht ab. Zudem schwitzten die Sportler in den komplett luftundurchlässigen Anzügen extrem.

Mehr Sicherheit, weniger Tempowahn

Thomas Zangerl, Katrin Ofner, Stephanie Venier und Hannes Reichelt in den neuen Rennanzügen von Schöffel

Das Rennen um die höchsten Geschwindigkeiten wurde ein Sicherheits- und Gesundheitsrisiko für die eigentlichen Protagonisten. Die FIS reagierte: 1975 verbot der Weltverband komplett undurchlässige Ski-Rennanzüge wie die Fischhaut. Rennanzüge mussten zudem seit 1983 für eine gewisse Menge an Luft durchlässig sein. Derzeit sind 30 Liter Luft pro Quadratmeter und Sekunde zulässig.

Mit dem Verbot der plastifizierten Ski-Rennanzüge begann der Wettlauf um die perfekte Materialmischung.

In den letzten Jahren hat sich nach anfänglicher Skepsis eine besondere Oberflächenstruktur durchgesetzt: Mit feinen Grübchen wie bei einem Golfball verhindern beispielsweise moderne Rennanzüge unerwünschte Luftverwirbelungen, die den Rennfahrer bremsen würden. Jede Falte oder Naht würde den Luftwiderstand massiv erhöhen. Gleichzeitig darf der Anzug nicht so sehr spannen, dass die Golfball-Struktur sich überdehnt und so wirkungslos wird.

> So stattet Schöffel den ÖSV aus

Außerdem muss das Equipment perfekt auf die Umgebungsbedingungen abgestimmt sein: Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Luftdruck erfordern jedes Mal aufs Neue eine anders abgestimmte Mischung. Inzwischen bestehen die meisten Einteiler aus 85 bis 90 Prozent Polyurethanen – kälteabweisenden Kunststoffen – und zehn bis 15 Prozent Polyester.

Und natürlich spielt auch die jeweilige Wettkampfdisziplin eine entscheidende Rolle: Während Abfahrts-Rennanzüge steifer und mit einer eingebauten Hocke daherkommen, können Slalom-Oberteile wegen der benötigten Bewegungsfreiheit auch einen Tick lockerer anliegen und hier und da gar Falten werfen.

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