Zwei Profibergsteiger, ein Forschungslabor in Köln – und ein simulierter Sauerstoffdruck von 7.000 Metern Höhe. Das ist das Setting für eine ganz besondere Studie, die momentan in der Forschungseinrichtung :envihab des Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrums in Köln durchgeführt wird. Die Mediziner des DLR und verschiedener Partner wollen dort ein mögliches Therapiekonzept für Herzinfarktpatienten erforschen.

Mit dabei: Schöffel-Athlet Ralf Dujmovits und seine Partnerin, Profibergsteigerin Nancy Hansen aus Kanada. Bis zum 19. Juni werden die beiden im :envihab leben und dabei zeitweise eine Luft mit einem Sauerstoffgehalt von nur acht Prozent atmen. Hier im Blog gewährt er exklusive Einblicke in dieses Abenteuer ganz besonderer Art.

Im ersten Teil gab Ralf bereits einen ersten Einblick ins Labor und in die Hintergründe der Studie.

In diesem Teil folgt nun ein spannender Einblick in den Tagesablauf der beiden und die täglichen Untersuchungen. Lassen sich schon Veränderungen am Herzen feststellen? Und wieso wird die Kletterwand inzwischen nicht mehr so oft genutzt wie am Anfang? Das erfährst Du hier:

Vier Wochen sind Nancy und ich nun schon in der Abgeschiedenheit der fensterlosen Hypoxie-Kammer des :envihab, 10 Tage davon auf 7.000 m oder knapp darunter. Unzählige Untersuchungen und Tests liegen hinter uns, einige wertvolle Erkenntnisse haben die Wissenschaftler und Ärzte hier schon gewonnen.

Wie sieht unser Tagesablauf aus?

Jeden Morgen um 7:15 klingelt der Wecker. Je höher wir kamen, bzw. je niedriger der Sauerstoff-Anteil wurde, desto mühsamer wurde es, uns zur täglichen Routine aus den Federn zu kämpfen. Jeden zweiten Tag müssen wir unseren Urin sammeln: alles geht – wie nachts auf Expedition im Zelt – in Weithalsflaschen. Diese werden hier aber eingescannt und im Kühlschrank bis zum nächsten Morgen aufbewahrt. Durch die scheinbare Höhe nehmen wir tagsüber meist mehr als 5 Liter Flüssigkeit zu uns. Entsprechend die Mengen an Sammelurin, der z.B. wichtige Aussagen über Säuregrad des Körpers und Abbauprodukte der Muskulatur hergibt. Bis 9:00 Uhr haben wir Zeit für das Frühstück (fast immer Müsli mit frischen Früchten), danach geht es mit den Routine-Untersuchungen los.

Welche Untersuchungen werden durchgeführt?

Zu den Routine-Untersuchungen zählen Atemgas-Analysen, EKG, Blutdruck- und Sauerstoffsättigungswerte und banal erscheinende Gangbildbewertungen – ob wir 5 m problemlos ohne Gangunsicherheit auf einem Strich gehen können. Dazu kommen alle Paar Tage Blut- und Blutgas-Analysen, nicht nur venös sondern teilweise auch arteriell abgenommen, und natürlich Temperatur- und Gewichtsmessungen.

 

© Nancy Hansen

Im Normalfall haben wir im Anschluss eine Mittagspause mit gesundem 4-Sterne-Mittagessen, danach geht’s weiter: Es folgen entweder Ultraschallaufnahmen des Herzens, um z.B. die Fließgeschwindigkeiten des Bluts bzw. den Druck zwischen Herz und Lunge zu messen. Oder Aufnahmen im Magnet-Resonanz-Tomographen (MRT) des Herzens oder des Kopfs.

Ausflug aus der Hypoxie Kammer

Da das MRT außerhalb der Hypoxie-Kammer steht, tragen wir auf dem Weg dorthin Atemmasken und führen eine Flasche mit dem Luftgemisch hier in der Kammer mit uns mit. Und atmen dann auch innerhalb des MRT diese Luftmischung, die einer Höhe von 7.000 m entspricht. SEHR anstrengend! Vor allem, wenn wir 2 Stunden im MRT liegen und die Blase drückt ;-).

Als wir dieses Übergangs-Prozedere von ‚unserer‘ Kammer zum MRT zum ersten Mal geübt haben, bekamen wir auch die Möglichkeit, seit langem mal wieder ins Freie zu gehen. Trotz des damals eher grauen Wetters ein erhebender Moment, wie Du im folgenden Video sehen kannst:

Die MRT-Aufnahmen sind unglaublich eindrücklich, da wir das Herz quasi aus allen Richtungen schlagen sehen können. Und inzwischen sind im Vergleich zum Beginn unserer Studie tatsächlich schon leichte Veränderungen am Herz und am Schlagverhalten zu sehen. Unsere Herzen sind hier doch quasi 24 Stunden am Tag unter Volllast und fangen sich inzwischen an, dieser Dauermaximalbelastung entsprechend anzupassen. Ob damit auch eine Teilung der Herzzellen bzw. eine Stärkung des Herzmuskels einhergeht, werden wir nach aufwändigen Messverfahren zum Ende der Studie erfahren.

© Nancy Hansen

Warum wir die Kletterwand nicht mehr so häufig nutzen

Am Nachmittag bzw. wenn es zwischendrin zeitliche Freiräume gibt, bauen wir so gut es geht Trainingsphasen mit ein. Laufen auf dem Laufband, Radeln auf dem Fahrrad-Ergometer oder Klettern an der rotierenden Kletterwand sind unsere Möglichkeiten. Zu Beginn unserer Zeit hier haben wir die Kletterwand – manche sagen auch Klettern außen am Hamsterrad – noch regelmäßig genutzt. Da wir aber – trotz langsamer Geschwindigkeit und nur 10 Grad Überhang – sehr schnell an unsere Atemkapazitätsgrenzen kommen, haben wir wegen des Kopfschmerzen verursachenden anaeroben Trainings das Klettern etwas zurück gestellt. Bei einem Spiroergometrie-Test an der Kletterwand (siehe erste Sequenz des folgenden Videos) war ich immer erstaunt, dass ich nach zwei bis maximal drei Minuten Klettern das Klettern abbrechen musste.

Die Tage donnern hier in einem unglaublichen Tempo vorbei. Nach einem frühen Abendessen – zumeist proteinreicher Fisch-Belag für unser Lieblings-Dinkelbrot und alkoholfreies Weizenbier – geht’s schon zwischen 21:00 Uhr und 21:30 Uhr  ins Bett. Aufgrund der großen Höhe bzw. des niedrigen Sauerstoff-Anteils brauchen wir viel Schlaf zur Erholung.

Wie geht es weiter?

Weitere 9 Tage liegen vor uns – 7 davon auf knapp 7.000 m Höhe. Wir haben den ursprünglich angepeilten Sauerstoff-Anteil von 8% (entsprechend 7.100 m) auf momentan 8,5% angehoben (entsprechend ~6.720 m Höhe). Nancy hat sich langsamer an die Höhe angepasst und ihr Druck auf dem Weg vom Herz zur Lunge ist auf 6.700 m genau im Bereich des festgelegten Grenzwertes. Damit ihr Herz keinen Schaden nimmt, haben wir gemeinsam entschieden, es momentan bei dieser Höhe zu belassen. Vielleicht findet noch eine weitere Adaption statt und wir können noch ein paar Tage dauerhaft auf 8% bleiben.

Akklimatisationsprofil
„MyoKardioGen“ © Uli Limper

Nach dem Ende unserer Tage hier in der Hypoxie-Kammer (und meinem Besuch der Outdoor-Messe in Friedrichshafen am 20. Juni) werden wir uns noch einmal mit einem zusammenfassenden Rückblick melden. Wir sind sehr gespannt, ob sich die Herzmuskelzellen tatsächlich anfangen zu reproduzieren und damit die Grundlage zu einer zukünftigen Herzinfarkt-Therapie eventuell gelegt ist.

Drücke uns weiterhin die Daumen – es bleibt unglaublich spannend!

Ralf Dujmovits

Ralf Dujmovits kennt Länder wie Peru, Kanada, Tansania, Pakistan, Thailand, Norwegen oder auch Island vor allem von oben – wenn er von Bergen wie dem Mount McKinley, dem Huascarán, dem Kilimanjaro oder dem Nanga Parbat blickte. Er stieg auf allen sieben Kontinenten auf die höchsten Berge. Er stand als erster Deutscher auf den Gipfeln aller 14 Achttausender. Als Höhenbergsteiger und staatlich geprüfter Berg- und Skiführer führte er mehr als 50 Expeditionen durch. Alleine in Nepal stieg er bei über 50 Aufenthalten auf Gipfel, die höher als 6.000 Meter sind.

Zum ersten Mal in seinem Leben wird er – gemeinsam mit seiner Partnerin, der kanadischen Profibergsteigerin Nancy Hansen – über Wochen hinweg in dünner Luft leben – in der Forschungseinrichtung :envihab des DLR. Über seine Zeit als Proband der „MyoCardioGen“ berichtet er in diesem Blog.

Titelbild: Während den Vorbereitungs- und Testtagen auf unsere Zeit in der Hypoxie-Kammer hatten wir auch einen Maximalbelastungstest auf dem Fahrradergometer, um unsere aktuellen Leistungsgrenzen festzustellen. | © DLR Felix Oprean