Von Ende Oktober bis Mitte März kämpfen die Ski-Alpin-Stars auf den Pisten der Welt um Siege, Weltcup-Punkte und Medaillen. Doch der Beruf des Skirennprofis ist kein Teilzeitjob.

„Ich komme im Jahr auf ungefähr 150 Skitage – über acht Monate verteilt. An meiner Fitness und Stärke hingegen arbeite ich fast das ganze Jahr“, erklärt der österreichische Weltcup-Dominator Marcel Hirscher: „Das heißt, ich trainiere eigentlich viel mehr abseits vom Schnee als auf der Piste. Das wissen die wenigsten.“

Eine alte Alpin-Weisheit lautet: „Die Sieger des Winters werden im Sommer gemacht.“ 140 bis 220 Tage im Jahr verbringen die Alpin-Größen jährlich im Schnee – und das weltweit. Die Devise: Irgendwo ist immer Winter. Da bleibt wenig Zeit für Freizeit und Familie. Wir stellen das Jahr eines Profi-Skirennfahrers vor. Beginnend mit dem ersten vollen Monat der Saisonvorbereitung: dem Mai.

INHALT

Mai und Juni:
Kraft und Ausdauer bolzen für ein ganzes Jahr

Der Beginn des Skijahres im Frühlingsmonat Mai mag ungewöhnlich wirken, beginnt die Ski-alpin-Saison doch erst Ende Oktober. Doch schon ein halbes Jahr zuvor legen die Ski-Stars die Grundlagen für einen erfolgreichen Winter. Die österreichische Alpin-Rennfahrerin Katharina Gallhuber gibt Schöffel einen Einblick: „Ab Anfang Mai beginne ich mit dem Konditionstraining, wo viele Ausdauer- und Kraftausdauereinheiten am Programm stehen. Mitte Juni kommt dann Schnelligkeitstraining dazu, was für mich als Slalomläuferin wichtig ist. Das bedeutet schnellkräftige Einheiten wie Sprünge und Sprints.“

In der Regel zwei Trainingsblöcke täglich mit bis zu sechs Stunden Höchstbelastung stehen dann auf dem Programm. Gewichte stemmen, Intervallläufe, Radfahren – für die perfekte Saisonvorbereitung ist jeder Kilometer, jeder schmerzhafte Sprint wichtig.


Juli:
Leichtathletik und erste Gletscherfahrten

Nach dem kräftezehrenden Einzeltraining der Vormonate treffen sich die Teams im Juli zum Sommertrainingslager wieder. So haben sich die ÖSV-Damen 2018 in St. Pölten auf die Saison vorbereitet. Und zwar mit Radausfahrten über Iron-Man-Distanz und Leichtathletik-Übungen wie Sprints. Gemeinsame Hüttenabende sorgen zudem für Teambuilding.

„Die Sportstätten ermöglichen uns ein abwechslungsreiches Training. Für Indoor-Trainingseinheiten bei Schlechtwetter sind wir dank der vielen Möglichkeiten in St. Pölten ebenfalls bestens gerüstet“, so ÖSV-Konditionstrainer Andi Hochwimmer.

In der Regel wird unter der Woche in heimischen Gefilden trainiert, die Wochenenden sind Freizeit. Davon können die Profis während der Saison nur träumen.

Ende Juli geht es dann je nach Schneeverhältnissen für die ersten Schwünge im Schnee auf die europäischen Alpengletscher in der Schweiz oder Österreich. Hier gilt es, wieder ein Gefühl für Schnee und Material zu bekommen.


August und September:
Ab in den Schnee!

ÖSV-Damen beim Training in Argentinien im Sommer 2018 | © ÖSV

Während in Europa Hochsommer herrscht, geht es für Alpin-Profis mit den Schneefahrten los. Dann nämlich fliegen die allermeisten Teams für mehrwöchige Trainingslager auf die Südhalbkugel. Der südamerikanische und ozeanische Winter bietet perfekte Schneebedingungen vor allem für die Speed-Disziplinen.

„Wir haben Einheiten mit fünf, sechs Abfahrtsläufen mit 1:30 Minuten. Der Start ist in einer Höhe von 3.500 Metern. Das ist sehr intensiv für die Athleten, aber wir schauen auf die hohe Qualität und dass man das Material austesten kann“, beschreibt Andreas Puelacher, sportlicher Leiter des ÖSV, das Sommertrainingslager seiner Athleten in Chile.

Aber nicht jeder trainiert im Süden: Auch auf Europas Gletschern sind die Bedingungen gerade für Slalom-Experten gut. Marcel Hirscher verzichtete im Sommer 2018 etwa auf ein langes Teamtrainingslager in Südamerika und trainierte stattdessen unter anderem im Pitztal. Auch Trainingswochen in Skihallen sind nicht unüblich.

Marcel Hirscher trainierte im September 2018 im Pitztal. https://www.instagram.com/p/BnlSVzineZk/

Oktober:
Letzter Feinschliff und Auftakt in Sölden

Endlich geht es los! Im österreichischen Sölden steigt am letzten Oktoberwochenende der traditionelle Start in die Alpin-Saison. So stehen auch die Wochen zuvor ganz im Zeichen des Saisonauftakts: Im Trainingslager auf den europäischen Gletschern geht es noch einmal an den letzten Feinschliff in Sachen Technik und Speed.

Außerdem werden im Oktober die neuen Rennanzüge für die Saison präsentiert. Schöffel tat dies mit den ÖSV-Stars vor der Saison 2018/19 am 12./13. Oktober. Und natürlich stehen für die Stars der Szene kurz vor dem Saisonstart noch massig Presse- und Sponsorentermine an. Bis dann endlich der Startschuss in Sölden fällt.

https://www.instagram.com/p/BpZoWg9HewY/

ÖSV-Athletin Ramona Siebenhofer erklärt Schöffel, wie ein üblicher Renntag bei ihr aussieht: „Nachdem die Rennen meist erst gegen Mittag sind, ist es in der Früh stressfreier, auch mit dem Aufstehen. Bei der Besichtigung schaut man, ob sich im Vergleich zu den Trainings im Lauf was verändert hat. Danach Einfahren, um sich ein gutes Gefühl zu holen. Anschließend aufwärmen im Restaurant, runterkommen und die letzten Vorbereitungen treffen. Nach dem Rennen ist es auch noch nicht vorbei, es geht zu Interviews, wenn man gut fährt zur Siegerehrung. Wenn eine Teamkollegin erfolgreich war, ist man dort genauso dabei. Anschließend Essen, Ausradeln, Videoanalyse und Physio, dann geht ein langer Tag zu Ende.“


November:
In Nordamerika kommt die Saison ins Rollen

Zwischen Sölden und der zweiten Weltcup-Station im finnischen Levi haben die Sportler noch einmal drei rennfreie Wochen Zeit, um in Trainingslagern insbesondere an der eigenen Fahrtechnik zu feilen.

Mitte November kommt der Weltcup dann so richtig ins Rollen, wenn es von Finnland über den Atlantik zu den Weltcup-Rennen in die USA und Kanada geht. Lake Louise, Beaver Creek und Killington stehen in der Saison 2018/19 im Rennkalender. Mit jeweils vier Weltcup-Events für Männer und Frauen ist der November aber noch verhältnismäßig ruhig.


Dezember:
Ski alpin goes Alpen

Nach dem Nordamerika-November kehrt der Weltcup-Tross erstmals seit dem Auftakt wieder in die Alpen zurück, um dort mit dem Dezember den ersten von drei vollgepackten Wettkampf-Monaten zu verbringen (Männer: zwölf Events, Frauen: zehn Events).

Zwar finden an den Weihnachtsfeiertagen keine Rennen statt, doch viel Zeit für die Familie bleibt zwischen den Läufen am 22. Dezember und 28. Dezember im Kampf um wertvolle Weltcup-Punkte nicht.


Januar:
Neujahrsspektakel und die legendäre Streif

Hannes Reichelt beim Hahnenkamm-Rennen 2019 | © GEPA pictures/ Andreas Pranter

Silvester die Korken knallen lassen? Ist für die Alpin-Asse nicht drin. Denn am Neujahrstag steht mit dem City-Event am norwegischen Holmenkollen ein besonderes Spektakel auf dem Programm. Dort nämlich messen sich im Kessel der legendären Osloer Skisprungschanze die Rennfahrer Seite an Seite im K.o.-Duell.

Im Rennkalender der Saison 2018/19 stehen für den Januar bei den Männern elf, bei den Frauen zehn Rennen auf dem Programm. Und selbst die wenigen rennfreien Tage werden zu Feinschliff an der Technik genutzt: So nutzen die ÖSV-Slalom-Spezialisten die erste Woche des Jahres für ein Sondertrainingslager am Weißensee.

Gegen Monatsende winkt zudem eines der absoluten Highlights jeder Weltcup-Saison: Die halsbrecherische Abfahrt in Kitzbühel auf der legendären Streif. Hier, beim Hahnenkamm-Rennen, werden Helden gemacht!


Februar:
Der Highlight-Monat

Der kürzeste Monat des Jahres ist in den meisten Jahren gleichzeitig der intensivste: Denn der Februar ist die Zeit der Saisonhöhepunkte: Alle vier Jahre finden in diesem Monat die Olympischen Winterspiele statt, alle zwei Jahre die alpine Ski-WM. 2019 steigt diese vom 5. bis 17. Februar im schwedischen Aare.

So stehen für die Sportler zwölf Rennen in 28 Tagen (bei den Frauen elf) an. Hier, im vierten vollen Monat der Wintersportsaison, macht sich kluge Belastungssteuerung in den Vormonaten und das Ausdauertraining des Vorjahres besonders bezahlt.


März:
Weltcup-Entscheidung und Weichenstellung

Noch einmal alle Kräfte bündeln! Bis Mitte des Monats fallen die Entscheidungen im Gesamtweltcup und in den Einzeldisziplinen. Wer holt sich die kleinen und großen Kristallkugeln? In der Saison 2018/19 steigt das große Weltcup-Finale in Andorra im beschaulichen Soldeu.

Danach geht es für viele der Sportlerinnen und Sportler noch weiter in den Süden. Dann nämlich haben die Profis erstmals seit Monaten die Möglichkeit, zumindest für ein paar Wochen die Beine hochzulegen und in den Urlaub zu gehen.

Aber nicht jeder stellt die Ski nach dem Weltcup-Ende in die Ecke: Wenn es die Schneebedingungen erlauben, gehen einige Sportler noch einmal für Testfahrten auf die Piste. Dank der Materialtests füttern die Teams ihre Ausrüster noch einmal mit wichtigem Feedback direkt vom Profi.


April:
Zeit zum Regenerieren

Die Saison ist geschafft! Der April ist die „stille Zeit“ der Ski-Asse. Ob daheim bei der Familie, mit Freunden oder im Urlaub: Jetzt können die Akkus nach harten sechs Monaten wieder aufgeladen und auch beim Ernährungsplan mal ein Auge zugedrückt werden.

Katharina Gallhuber nutzte 2018 den April für Erholung am Meer
https://www.instagram.com/p/Bh3vTKflxp6/

Ganz ohne Profitum geht es natürlich auch in der freien Zeit nicht: Weil während der Saison kaum Zeit dafür bleibt, ist der April ein geeigneter Monat für Sponsorentermine der Sportler. Und Trainingsprogramme gibt es natürlich auch: Mit Aufbauübungen in den heimischen vier Wänden oder im Urlaub bleiben die Sportler auf Draht. „Es hört irgendwie nie auf. Nach dem letzten Rennen Ende März für zwei bis drei Wochen runterkommen und Urlaub machen, dann fängt das Konditionstraining auch schon wieder an“, so ÖSV-Athletin Stephi Brunner zu Schöffel. Selbst in der freien Zeit gilt: Nach der Saison ist vor der Saison.

Titelbild: ÖSV-Damen in Argentinien | © ÖSV/Eric Buvrier