Wer Adele Kolos, Corporate Responsibility Managerin bei Schöffel, an ihrem Arbeitsplatz besucht, ahnt schnell, wie vielfältig ihre Aufgaben sind. Akribisch aufgereiht liegen zahlreiche in Heftern sortierte Unterlagen auf ihrem Schreibtisch.

So bereitet sie beispielsweise im Moment die Übergabe eines CSR-Schulungskonzept für Techniker in Vietnam vor. Denn im Frühsommer hat in Hanoi ein eigenes Repräsentanzbüro mit lokalem Personal eröffnet. Ziel ist es, Qualitätskontrollen zu stärken und Anforderungen an die Corporate Social Responsibility (CSR) noch besser überprüfen zu können.

Im Interview verrät uns Adele, was das Spannende an ihrem Job ist, welche Projekte ihr besonders am Herzen liegen und was sie sich für die Zukunft wünscht.

Hallo Adele, Du bist seit September 2017 Corporate Responsibility Managerin bei Schöffel und warst zuvor im Bereich operativer Einkauf / Lieferantenmanagement sowie in der Produktionsplanung und -steuerung tätig. Was ist das Spannende an Deiner Aufgabe?

Nachhaltigkeit ist ein sehr breites Feld, das im Unternehmen bereichsübergreifend gelebt werden muss. In meiner Position darf ich zum einen sehr viel von einzelnen Fachexperten lernen und erfahren, gleichzeitig aber auch alle Mitarbeiter im Sinne der Umwelt und sozialer Standards herausfordern, besser zu werden. Weiterentwicklung ist dazu die Voraussetzung, einen Stillstand darf es in meinem Bereich nicht geben. So bearbeite ich jeden Tag komplexe Aufgaben mit ganz unterschiedlichen Kollegen. Langeweile kommt dabei nicht auf.

Mit welchen Abteilungen arbeitest Du zusammen?

Mit allen. Corporate Responsibility funktioniert nicht als Insellösung. Meine Aufgabe dabei ist, für Themen zu sensibilisieren, Strategien und Prozesse aufzubauen, Kooperationen und Projekte voranzutreiben und auch, wenn nötig, auf Missstände aufmerksam zu machen.

Das kann zunächst auch als unangenehm empfunden werden. Doch mein Einsatz hilft letztlich Kollegen, die andere Themen wie Preispolitik, Lieferzeiten oder Produktlanglebigkeit jonglieren, das Thema CSR nicht aus den Augen zu verlieren.

Die Tatsache, dass Nachhaltigkeit eine wesentliche Säule unserer Unternehmensstrategie darstellt, vereinfacht meine Arbeit natürlich enorm. Schöffel nimmt die Verantwortung gegenüber der Umwelt und den Menschen sehr ernst, das liegt zum einen an deren langjährigen Geschichte als Familienunternehmen und Arbeitgeber, zum anderen an unserer Nähe zur Natur. Und aktive Outdoorsportler schützen, was ihnen am Herzen liegt.

Wie sieht die CSR-Strategie bei Schöffel aus?

Vielschichtig. Um mehrere Beispiele zu nennen:

  • Im Bereich Umwelt- und Schadstoffmanagement arbeiten wir mit dem Systempartner Bluesign. Dessen Richtlinien gelten für unsere Lieferanten und ihre Produkte.
  • Außerdem haben wir uns zum Ziel gesetzt, per- und polyfluorierte Chemikalien, kurz: PFC, in unseren Kollektionen durch risikofreie Alternativen zu ersetzen.
  • Wir prüfen auch fortlaufend den sinnvollen Einsatz recycelter Materialien und achten auf eine sogenannte tierleidfreie Herkunft der verarbeiteten tierischen Fasern.
  • Wir optimieren Transportwege für einen geringeren CO2-Ausstoss und setzen in der Niederlassung in Schwabmünchen auf erneuerbare Energien.
  • Bei herausfordernden Umweltthemen wie zum Beispiel Mikroplastik engagieren wir uns in Forschungsprojekten und prüfen alternative Stoffe.
  • Für soziale Standards in den Produktionsstätten kooperieren wir seit 2011 mit der Fair Wear Foundation und erreichten hier bereits vier Mal in Folge den Leaderstatus für besonders nachhaltige Unternehmen.
  • Darüber hinaus bieten wir mit unserem hausinternen Nähband einen Reparaturservice und verlängern damit die Lebenszeit unserer ohnehin hochwertigen und damit langlebigen Produkte. Ein wichtiger Aspekt im Bereich Nachhaltigkeit.

Transparenz und Nachhaltigkeit sind eng miteinander verbunden. Wie gelingt Transparenz in einem mittelständischen Unternehmen?

Zunächst einmal muss Nachhaltigkeit aus Überzeugung erfolgen. Für einen nachhaltigen Weg gilt es, Prozesse sorgfältig zu analysieren. Das ist aufwendig und muss als fester Bestandteil der täglichen Arbeit verstanden werden.

Die fortlaufende Suche nach möglichen Optimierungen zeigt natürlich direkt Schwachstellen auf – sowohl eigene als auch solche, die die ganze Industrie betreffen. Und wer transparent sein will, muss diese Schwachstellen auch kommunizieren. Hilfreich für Transparenz sind auch langjährige vertrauensvolle Partnerschaften mit den Produktionsbetrieben. Wir verfolgen den Ansatz, gemeinsam mit unseren Partnern besser zu werden. Wenn Probleme auftauchen suchen wir den Dialog. Das betrifft soziale genauso wie ökologische Themen.

Welche Projekte liegen Dir aktuell besonders am Herzen?

Zum einen kooperieren wir für ein Living Wage Projekt bei einem gemeinsamen Produzenten in Vietnam mit Kjus und Haglöfs. Es ist ein schönes Beispiel dafür, wie sich Wettbewerber im Schulterschluss für gemeinsame CSR-Ziele einsetzen.

Zum anderen beteiligen wir uns an zwei Forschungsprojekten zum Thema Plastik und Mikroplastik. Als BSI-Mitglied unterstützen wir Textile Mission, das die Problematik „Mikroplastik bei Waschvorgängen“ untersucht, während VerPlaPos die Verbraucherreaktionen bei Plastik und dessen Vermeidungsmöglichkeiten am Point of Sale betrachtet.

Bei Letzterem liefern wir als Praxispartner Einblicke in unsere tägliche Versandpraxis und für die Studie relevante Produkte.


Anfang 2017 startete die Fair Wear Foundation (FWF) den „Living Wage Incubator“, der als Plattform FWF-Mitgliedsmarken unterstützen und auffordern soll, sich dem komplexen Thema existenzsichernde Löhne zu widmen. Seit damals arbeiten wir zusammen mit Kjus (LK International) und Haglöfs an einem Living-Wage-Projekt bei einem gemeinsamen Produzenten in Vietnam. Erstes Ziel des Projekts war eine Analyse der Lohnstruktur, die in einem zweiten Schritt zur kontinuierlichen Einführung existenzsichernder Löhne und zur Stärkung der Verhandlungsposition der Mitarbeiter führen soll.

Die Fabrik hat zwei Standorte mit insgesamt knapp 3.000 Beschäftigten. Schöffel lässt dort Hosen, Allwetter- und Daunenkleidung fertigen.

In dieser Zeit konnte Schöffel zahlreiche wertvolle Erfahrungen sammeln, darunter auch viele neue Erkenntnisse zur Komplexität des Themas. Dieses Wissen und der wertvolle Austausch im „Living Wage Incubator“ half uns Ziele neu zu definieren, Problemstellungen zu benennen und nach realistischen Lösungsansätzen zu suchen.

Im letzten Jahr konnte das Projekt mehrere Ziele erreichen:

  • Es wurden Untersuchungen zu einem existenzsichernden Lohnniveau unter Einbeziehung des Personals vor Ort, wichtiger vietnamesischer Ansprechpartner und einer Reihe ausgewählter Arbeiter durchgeführt, um die Lebenshaltungskosten in der Region Thai Binh zu ermitteln.
  • Es fanden Beratungen mit dem VN-Betriebsrat vor Ort und Gespräche mit der Fabrik auf einer Fachmesse sowie mit dem Management statt.
  • Ein den Ausgaben der Arbeiter in der Region entsprechendes existenzsicherndes Lohnziel wurde für die Region festgelegt.

Zu den nächsten Schritten und Herausforderungen des Living-Wage-Projekts gehören:

Die Lohnziele werden überprüft, da neue Mindestlöhne in der Region festgelegt wurden und auch der Anstieg der sozialen Kosten, die mit höheren Löhnen verbunden sind, berücksichtigt werden muss. Außerdem gilt es den Beschaffungsprozess zu evaluieren sowie Effizienzsteigerungen zu überprüfen, um Möglichkeiten zur Finanzierung der Lohnsteigerungen zu finden.

Was wünschst Du Dir für die Zukunft?

Es wäre schön, wenn Industrie, Politik und Konsumenten noch mehr im Schulterschluss agieren könnten. Als Unternehmen versuchen wir, die Konsumenten aufzuklären und zu sensibilisieren. Es gibt sehr gut informierte Kunden, die ganz gezielte Detailfragen stellen, aber auch sehr viele, die keine Kenntnisse haben von Lieferketten, Produktionsstätten, fairen Löhnen und der Herausforderung, eine technische Jacke möglichst naturverträglich zu produzieren.

Nachhaltigkeit wird oftmals vorausgesetzt, gleichzeitig ist nicht die Bereitschaft vorhanden, dafür mehr Geld zu investieren. Jeder einzelne von uns kann sich verbessern – wir als Unternehmen, ich als Konsument. Das sollte unser aller Anspruch sein.


Vielen Dank für das Interview, liebe Adele!