Schöffel-Athlet Ralf Dujmovits

Die Monate April und Mai verbrachte Schöffel-Athlet Ralf Dujmovits mit einer 6.000er-Besteigung und seinem erneuten Versuch, den Mt. Everest ohne Zusatz-Sauerstoff zu besteigen. Im 1. Teil seines Blogs geht es um die abenteuerliche Besteigung des 6.000ers Cholatse gemeinsam mit seiner Partnerin Nancy Hansen. 

Im 2. Teil berichtet er nun von seinen Bemühungen, endlich im 8. Anlauf den höchsten Berg der Erde ohne künstlichen Sauerstoff zu besteigen.

Ob er es dieses Mal schaffen wird? Begleite ihn auf seinem Abenteuer in Tibet:

Teil 2: Versuch einer Everest Besteigung ohne zusätzlichen Sauerstoff

Nach der Besteigung des Cholatse und zwei Ruhetagen in Kathmandu ging es am 22. April per Flieger nach Lhasa. Erst mit Kleinbus, später per Jeep geht es direkt weiter über die tibetische Hochebene (mit zwei Nächten in Shigatse und Tingri) ins untere, sogenannte Chinese Basecamp (CBC, 5.200 m) des Mt. Everest. Ohne vorherige Akklimatisation wäre ein solch schneller Aufstieg bis auf über 5.000 m äußerst gefährlich. Mit der Vorakklimatisation am Cholatse fühlte es sich dagegen entspannt an. Trotzdem war es wie ein Zeitsprung, plötzlich in Tibet auf der windig-kalten Nordseite des Mt. Everest zu stehen.

Das sogenannte Chinese Basecamp unterhalb einer der zahlreichen Akklimatisationstouren.
Das sogenannte Chinese Basecamp unterhalb einer der zahlreichen Akklimatisationstouren. | © Ralf Dujmovits

 

Ralf Dujmovits und der Mt. Everest: Die Vorgeschichte

Schon in 2015, 2013, 2010 und 2005 hatte ich jeweils einen Versuch unternommen, den Everest über seine Nordseite zu besteigen. 2015 hatte das verheerende Erdbeben in Nepal zum Abbruch geführt, in 2013 musste ich wegen zu starkem Wind auf 8.300 m die Segel streichen, 2010 hatte ich nach zwei unguten Hochlagernächten ebenfalls auf 8.300 aufgegeben und 2005 war unser japanischer Freund auf 7.800 m schwer höhenkrank geworden.

Zwei weitere Fehlversuche hatte es auf der nepalischen Südseite 1996 und 2012 gegeben. Beide endeten auf knapp 8.000 m am Südsattel des Everest. Von wo aus ich 1992 den Gipfel damals schon erreicht hatte, allerdings eben mit Atemmaske und unter Zuhilfenahme von Zusatzsauerstoff. So war ich nun voller Hoffnung und Motivation es bei diesem achten und wie ich immer wieder bestätigte allerletzten Versuch, es „oben ohne“ zu schaffen.

Ankunft im Advanced Basecamp (ABC)

Mein Schweizer Bergführer-Kollege Kari Kobler, auf dessen Besteigungsgenehmigung ich eingetragen war, hatte im Basislager auf meine Ankunft gewartet und so konnten wir gemeinsam schon zwei Nächte später ins vorgeschobene Basislager (oder Advanced Basecamp, ABC, 6.300 m) aufsteigen. Dort erwarteten uns bereits die anderen 10 Mitglieder der Expedition, das Sherpa-Team und einvollständig aufgebautes, sehr komfortables ABC. Und selbstverständlich stand wiederum ein Tag später eine Puja auf dem Programm – eine buddhistische Zeremonie, die den eigentlichen Expeditionsbeginn markiert.

Eine Puja-Zeremonie steht am Beginn einer jeden Expedition in Nepal oder Tibet bei der auch Sherpas beteiligt sind. 
Eine Puja-Zeremonie steht am Beginn einer jeden Expedition in Nepal oder Tibet bei der auch Sherpas beteiligt sind.  | © Ralf Dujmovits

Nun freute ich mich, auch wieder bergsteigerisch in Aktion treten zu können. Nachdem ich in der ersten Nacht nach Ankunft im ABC doch noch etwas Kopfdruck verspürte, ging es mir am 30/04 inzwischen so gut, dass ich genau am Tag der Arbeit zum ersten Mal ins Lager I am Nordsattel des Everest aufstieg und gleich die zwei folgenden Nächte zur Akklimatisation dort oben verbrachte.

Sherpas im Aufstieg zum Lager I am Nordsattel (7.050 m) des Mount Everest. 
Sherpas im Aufstieg zum Lager I am Nordsattel (7.050 m) des Mount Everest. | © Ralf Dujmovits

 

Schlechtes Wetter am Nordsattel

Leider entwickelte sich gleich am Nachmittag meines zweiten Tags am Nordsattel relativ überraschend sehr schlechtes Wetter und eine Windhose wirbelte durch’s Hochlager und riss einige Zelte mit sich oder zerriss zumindest die Überzelte. Glücklicherweise kam es zu keinen Verletzungen – die meisten Bergsteiger waren nach einer Nacht im Hochlager schon wieder abgestiegen.

Rald Dujmovits, Sherpa und Hochlagerzelt
Ralf und Namgyal Lama Sherpa bei der Reparatur von Ralfs Hochlagerzelt am Vormittag nach der Windhose | © Bruno Hufschmid

Am 03. Mai stieg ich wieder ins ABC ab und verbrachte einige entspannte Ruhetage und Erholungstage. Einen dieser Tage nutzten einige der Teilnehmer aus Karis Gruppe und ich, um in zwei Stunden zur Einsattelung am Fuße des gesamtem Nordostgrats aufzusteigen: Was eine Prachtaussicht auf den Makalu, mit 8.485 m der fünfthöchste Berg der Erde.

Ralf genießt die Aussicht am Nordost-Sattel des Mount Everest, hinter Ralf der Makalu, fünfthöchster Berg der Erde. | © Bruno Hufschmid

 

Anstrengende Nacht im Lager II (7.700 m)

Am 07. Mai stieg ich erneut zum Lager 1 auf und am folgenden Tag direkt weiter bis Lager II auf 7.700 m, wo ich ein einsames Lager bezog. Die meisten Everest Besteiger sind inzwischen mit zusätzlichem Sauerstoff unterwegs – auf der Nordseite des Everest im Normalfall ab Lager 1. Niemand steigt somit für eine weitere Akklimatisation höher auf und so war ich im Bereich von Lager II auf 7.700 m zunächst alleine. Erst am späten Nachmittag kam auch der Rumäne Horia Coibasanu, der wie ich auch ohne Zusatzsauerstoff unterwegs war und sich ebenfalls besser akklimatisieren wollte.

Es war eine kalte, stürmische Nacht dort oben – etwas ‚atemlos‘ obendrein. Am Nachmittag hatte es komplett angefangen einzutrüben und später am Abend begann es zu schneien. Irgendwie war ich froh, dass diese Akklimatisationsnacht dann irgendwann zu Ende ging, ich zusammenpacken und wieder den Abstieg antreten konnte. 7.700 m ist doch fast schon 8.000 m – dort wo die niedrigen 8.000er ihren Gipfel haben. Auf dieser Höhe eine Nacht zu verbringen ist wirklich anstrengend!

Ein Kuckuck im Kloster

Zurück im Basislager galt der erste Blick natürlich dem Wetterbericht und wie immer setzte ich mich auch mit ‚meinem langjährigen Wetterfrosch‘ Charly Gabl in Verbindung. Beide versprachen nicht viel Gutes und so entschied ich gemeinsam mit Karis ganzer Gruppe erst mal ein paar Tage zur Erholung komplett ins untere Basislager, dem CBC auf 5.200 m, abzusteigen.

Die Tage vom 13. – 19. Mai verbrachten wir im CBC, machten fast täglich Ausflüge bis auf 6.000 m oder fuhren einmal hinunter zum berühmten Kloster Rongbuk. Zu meiner großen Begeisterung entdeckte ich dort im Gebetsraum des Klosters eine Schwarzwälder Kuckucksuhr., die ich vorübergehend auch wieder zum Laufen bringen konnte. Als der Kuckuck 12 mal rief waren die anwesenden Mönche und Nonnen hellauf begeistert.

Rald Dujmovits und eine Kuckucksuhr im Kloster Rongbuk
Kuckucksuhr im Kloster | © Bruno Hufschmid

Am 20. Mai entschieden wir uns für den Wiederaufstieg ins vorgeschobene Basislager – das Wetter versprach ein wenig stabiler zu werden. Wir warteten dort noch bis zum 23. und entschieden uns nach reichlichem Interpretieren des Wetterberichts und vielen Telefonaten mit unseren Meteorologen den 27. Mai als Gipfeltag anzupeilen.

 

Unterstützung für den Gipfelaufstieg

Ziemlich unspektakulär ging es am 24. Mai wieder hinauf zum Nordsattel ins Lager I und Tags darauf weiter zum Lager II auf 7.700 m. Ab Lager I hatte ich mich dieses Mal für den Gipfelaufstieg zur Unterstützung und Begleitung für einen erfahrenen Sherpa entschieden.

Mit Namgyal Lama Sherpa hatte Kari einen super netten und erfahrenen Hochträger für mich gefunden: wir verstanden uns von Anfang an prima und mit 8 bisherigen Besteigungen des Mt. Everest (immer von Süden; jeweils mit künstlichem Sauerstoff) hatte er auch genügend Erfahrung.

Ralf mit Namgyal Lama Sherpa, der ihn ab dem Nordsattel bis zum Gipfel unterstützen sollte. | © Ralf Dujmovits

Während Namgyal mit Sauerstoff unterwegs war und auch einen Großteil unseres Gepäcks trug, konnte ich relativ entspannt aufsteigen. Leider wurde das Wetter am Nachmittag des 26.Mai ziemlich schlecht, so dass im Schneefall und stärker werdenden Wind der weitere Aufstieg ohne Zusatzsauerstoff bis Lager III auf 8.300 m reichlich anstrengend wurde.

Aufstieg zum Hochlager Mount Everest
Leider wurde das Wetter im Aufstieg zum letzten Hochlager ziemlich besch..eiden. | © Ralf Dujmovits

Der Nachmittag und der Abend im Hochlagerzelt auf 8.300 m war alleine wegen der Höhe schon ziemlich anstrengend. Und so war ich wirklich froh, dass Namgyal einen guten Teil des Schneeschmelzens und der Zubereitung des Essens übernahm. Selbst wenn dies nur heißt, Wasser in einen Beutel gefriergetrocknete Hochlagerverpflegung zu schütten, so ist doch jeder Handgriff dort oben mit großer Anstrengung verbunden.

Ralf Dujmovits Anstieg zum Hochlager Mount Everest
Ralf im Aufstieg zum letzten Hochlager im schlechter werdenden Wetter. | © Ralf Dujmovits

 

Der Gipfelaufstieg – wird es dieses Mal klappen?

Um 23:00 Uhr begannen wir mit der Zubereitung des Frühstücks und machten uns fertig für den Gipfelaufstieg. Ich war guter Dinge: draußen bewegte sich kein Lüftchen. Um Punkt 1:00 begannen wir gemeinsam mit dem Aufstieg – alle anderen Bergsteiger, die mit Sauerstoff aufstiegen, waren schon seit 23:00 oder 24:00 Uhr unterwegs und so kamen wir zunächst zügig und gut voran. Erst mit plötzlich einsetzendem Wind um etwa 3:00 Uhr bemerkte ich, dass es fast komplett zugezogen hatte und kurz darauf begann es auch zu schneien.

Mit dem schell stärker werdenden Wind wurde der Aufstieg plötzlich deutlich anstrengender und ich begann in kürzester Zeit stark auszukühlen: ohne Zusatzsauerstoff atmet man in dieser Höhe dermaßen schnell, dass man sehr viel Körperwärme über die Atmung verliert und der Körper kaum nachkommt genügend Wärme zu liefern.

 

Eine schwere Entscheidung

Gegen 4:00 Uhr realisierte ich, dass ich mit dem starken Wind schon so weit ausgekühlt war, dass es gefährlich würde, weiter aufzusteigen. Auf keinen Fall wollte ich Erfrierungen an Händen oder Füßen riskieren. Ich versuchte eine Zeit lang durch Schwingen der Arme und Beine wieder Gefühl in Hände und Füße zu bekommen. Als es mir aber nicht gelang, entschied ich mich schweren Herzens zum Abstieg. Namgyal und ich hatten eine Höhe von 8.580 m erreicht – die Entscheidung fiel mir so kurz vor dem Gipfel (8.848 m) unendlich schwer. In relativ kurzer Zeit seilten wir an den vorhandenen Fixseilen ab und waren zum Tagesanbruch zurück im Hochlager auf 8.300 m.

Zurück in Lager III auf 8.300 m – einer der unwirtlichsten Orte auf der Erde. Leben auf Sparflamme – fast wie Weltall. | © Ralf Dujmovits

Namgyal überzeugte mich, für den weiteren Abstieg bis Lager II zusätzlichen Sauerstoff zu verwenden: er meinte – und damit hatte er vollkommen recht – dass die Gefahr einen Fehler zu machen ohne Sauerstoff doch erheblich größer wäre und ich ja sowieso schon umgekehrt hätte. Und so kam ich in die seltsame Verlegenheit nun doch noch – im Abstieg – Sauerstoff zu verwenden.

Ralf auf Höhe von Lager II (7.700 m). 
Ralf auf Höhe von Lager II (7.700 m). | © Bruno Hufschmid

Am selben Abend waren wir allesamt zurück im ABC – alle anderen in Karis Team waren überglücklich, den Gipfel (mit Zusatzsauerstoff) erreicht zu haben. Meine allerherzlichste Gratulation an alle, die ihren persönlichen Traum wahr gemacht haben. Und an Bergführer-Kollege Kari Kobler für die perfekte Organisation meiner Tage am Mt. Everest.

Für mich hatte es wieder nicht sollen sein…

… und entsprechend war ich natürlich enttäuscht. Trotzdem schätze ich mich glücklich, diesen (vorerst) allerletzten Versuch unternommen zu haben, noch im Vollbesitz aller Zehen und Finger zu sein und wieder gesund und munter zu Hause angekommen zu sein.

„Ob ich nochmal einen allerallerletzten Versuch unternehmen werde“ bin ich in der letzten Zeit oft gefragt worden. Ich kann es im Moment noch nicht sagen. Mein Bauchgefühl wird mir irgendwann sagen, wo es hingehen soll.

Danke auf jeden Fall wieder an die Schöffel-Family, die mich seit über 20 Jahren bei allen meinen Unternehmungen begleitet und mir – gemeinsam mit meinen anderen Sponsoren – es finanziell immer wieder ermöglicht, zu meinen Träumen und Abenteuern aufzubrechen.

 

Titelbild: © Bruno Hufschmid

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