Versteckt in voller Sicht – Ralf Dujmovits berichtet von seiner Pakistan Expedition

Im zweiten Teil meines Blogbeitrags möchte ich Euch von unserem Besteigungsversuch im Alpinstil am Praqpa Ri ( ~ 7.150 m ) im Karakorum in Pakistan berichten. Dieser formschöne Berg war bisher unbestiegen geblieben trotz unmittelbarer Nachbarschaft zum 8000er K2.

Praqpa Ri

Direkt nach unserer Rückkehr ins Basislager machte sich unser Koch/Basislager-Ingenieur/Chirurge/Friseur/Kultur-Führer und Freund Ehsan Karim auf den Weg zum Concordia-Platz um dort Träger zu finden. Diese sollten uns helfen unser Basislager zu unserem zweiten Bergziel in Pakistan zu versetzen. Erst hatten wir gedacht, dass Ehsan ein paar Tage brauchen würde in dieser Gletschereinöde einige Träger zu finden. Aber er kam schon am nächsten Tag zurück und hatte quasi „in the middle of nowhere“ genau die Anzahl an Trägern und Maultieren gefunden, die wir für die Ausrüstung und Verpflegung unseres Verbindungsoffiziers, für uns und natürlich auch für Ehsan selbst benötigten.

Wie immer lachten und blödelten die Träger die ganze Zeit und man spürte, dass sie ihre kurze Arbeitssaison während des Karakorum-Sommers genossen. Zunächst hatten wir erwartet, dass sie die 25 Kilometer in zwei Etappen zurücklegen würden – um aber so schnell als möglich an ihren nächsten Job zu kommen liefen wir die gesamte Strecke an einem langen Tag. Unsere Zelte bauten wir unmittelbar am Beginn des Summa-Gletschers auf, etwa einen Kilometer südlich des klassischen K2-Basislagers. Wir waren umrundet von Gipfeln wie den 8000ern K2 und Broad Peak und natürlich unserem nächsten Ziel, dem Praqpa Ri – ein sehr inspirierender Ort für die nächsten Wochen!

In grausigem Wetter machten Nancy und ich einen ersten Erkundungstrip den Summa Gletscher hinauf. Das Fazit vorab: Keiner von uns beiden war jemals auf einem so verspalteten Gletscher unterwegs. Unser GPS zeigte am Abend eine zurückgelegte Strecke von hin und zurück 10 Kilometern an –  die Luftlinie einfach betrug gerade mal 2,5 Kilometer. Nach einer kurzen Phase von richtig schlechtem Wetter – teilweise regnete es auf Basislagerhöhe bis weit in die Nacht hinein – bepackten wir unsere Rucksäcke mit Verpflegung, Gas und Ausrüstung für 6 Tage und machten uns zu unserem nächsten Russischen-Roulett-Trip in Pakistan auf. Etliche Male mussten wir uns gegenseitig aus oberflächlich zugeschneiten Spalten ziehen, bevor wir am Fuße des Praqpa Ri unser erstes Biwak beziehen konnten. Die abendliche Sicht aus unserem kleinen Zelt zu den Westwänden von K2 und Broad Peak war der absolute Knaller!

Um 3 Uhr morgens stiegen wir weiter eine ca. 300 Meter hohe Eisflanke hinauf, hatten etwas kombinierte Kletterei und erreichten schon vor 8 Uhr morgens einen Sattel zwischen Südgrat und Ostflanke. Leider begann es dort heftig zu schneien und so stellten wir rapp-zapp unser Zelt auf. Es schneite einige lange Stunden – lange genug um an diesem Tag unser eigentlich vorgesehenes Ziel nicht erreichen zu können.

Am nächsten Morgen – das Wetter war wieder strahlend schön – starteten wir noch früher und konnten relativ zügig über einige, annähernd senkrechte Eis- und Zuckerschnee-Aufschwünge hinweg klettern. Leider verwandelte sich die Schneeauflage mit der schon bald gnadenlos niederbrennenden Sonne in einen zähen Matsch, der zügig anfing neben uns erst in Rutschen zu kommen, dann in kleinen Lawinen nieder zu gehen.

So entschieden wir nach wenigen Hundert Höhenmetern schon wieder zu biwakieren – dieses Mal im Schutz einer überhängenden Spalte. Für unser Zelt gruben wir eine kleine Plattform und benutzen den abzuschaufelnden Schnee um die Spalte notdürftig aufzufüllen. Zwei Stunden später stand das Zelt, unmittelbar neben dem Eingang gähnende Tiefe in die Spalte hinunter.

Allmählich realisierten wir, dass wir bei den aktuellen Temperaturen auf den östlich ausgerichteten Hängen schlechte Karten hatten. Es blieb der Schneedecke bzw. dem Eis während der kurzen Frostperiode der Nacht nur wenig Zeit sich zu verfestigen und mit dem Aufgehen der Sonne begann das Schlammassel von neuem. Ein noch früherer Start wäre nicht möglich gewesen, da der Schnee auf der Eisflanke noch nicht genügend verfestigt war. Wenn er überhaupt verfestigt war, dann nur ein paar wenige Zentimeter und wir brachen wieder auf’s Blankeis ein. Trotzdem stiegen wir in der Früh erst mal noch weiter und hofften weiter oben am Südgrat bessere Verhältnisse anzutreffen. Mit Erreichen des etwas flacheren Südgrats wurden wir aber massiv enttäuscht.

Die Schneeverhältnisse waren grausam: Eine zwei Zentimeter dünne Kruste lag auf grundlosem Zuckerschnee. Obwohl uns die Sonne noch nicht erreicht hatte, wurde die Kruste mit jedem mühsam erkämpften Schritt dünner und letztlich brachen wir bei jedem Schritt bis über die Oberschenkel ein.

Es wurde einfach zu gefährlich und es war auch klar, dass die Schneeverhältnisse sich in den nächsten Tagen nicht verbessern würden. Schweren Herzens entschieden wir uns umzukehren und seilten zu unserem Spaltencamp ab. Am nächsten Morgen eine Abseilstelle nach der anderen einrichten und ab in die Tiefe…und noch am gleichen Nachmittag zurück in die Sicherheit des Basislagers.

Trotz der Tatsache, dass wir unendlich enttäuscht waren keines unserer beiden angepeilten Ziele erreichen zu können, hatten Nancy und ich eine supergute Zeit. Die Berge des Karakorum in Pakistan sind irre schön und die einheimische Bevölkerung unendlich freundlich und zuvorkommend. Es war ein Geschenk zwei Monate in einer der wildesten Gegenden unserer Erde unterwegs sein zu können.

Die letzten Tage in Pakistan

Es gefiel uns so gut, dass wir mit Ehsan noch einige Tage seine Heimatdörfer in Hunza besuchten. Dort zur Reife der Aprikosen bei schönstem Wetter mit einem einheimischen Freund und Begleiter unterwegs sein zu können, war ein wunderbarer Abschluss unserer Tage im Norden von Pakistan.

Dank‘ an Schöffel, dass ich mit Eurer Unterstützung immer wieder zu den Bergzielen meiner Träume aufbrechen kann. Und das seit über 20 Jahren!!

Ihr wollt noch mehr über die Touren, Erfahrungen und Reiseberichte der Profis erfahren? Dann werft einen Blick in die „Profis hautnah“ Kategorie. 😉