Versteckt in voller Sicht – Ralf Dujmovits berichtet von seiner Karakorum Expedition

Die Monate Juni und Juli 2016 verbrachten meine Partnerin Nancy Hansen und ich beim Versuch an zwei 7.000ern im pakistanischen Karakorum erstmals den Gipfel zu erreichen: Zunächst am Gasherbrum VI (~ 7.000 m ), später am Praqpa Ri ( ~ 7.150 m ). Beide waren bisher unbestiegen geblieben trotz unmittelbarer Nachbarschaft zu den bekannten 8000ern Gasherbrum I und Gasherbrum II bzw. dem K2.

Neben dem schon seit zwei Jahrzehnten andauernden Sponsoring durch Schöffel wurde unsere Expedition auch vom Alpine Club of Canada unterstützt. Zudem hatten wir im Vorfeld der Expedition den „Shipton-Tilman Award“ der Firma GORE-TEX® zugestanden bekommen.

Islamabad, Rawalpindi und Skardu

Auch unsere Expeditionsreise nach Pakistan begann wie immer in der Hauptstadt Islamabad. Bei annähernd 40 Grad sind die letzten organisatorischen Dinge zugegebener Maßen anstrengend. Wenn einem aber an jeder Ecke Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft entgegenschlägt, ist alles gut zu schaffen.

Schon 22 Jahren arbeite ich in Pakistan mit der Agentur von Ashraf Aman (erstes Bild, ganz links) zusammen. Er war der erste Pakistani, der auf dem K2 stand (07.08.1977). Neben mir rechts steht Ashrafs Fahrzeug-Manager in Skardu Aga Abbas, vor mir auf der Treppe sitzt mein Freund und Koch seit vielen Jahren Ehsan Karim.

Seit vielen Jahren ist es mir ein Anliegen bei den Expedition keinen benzinverbrauchenden Generator zum Einsatz zu bringen. So hatte ich im Vorfeld der Expedition im Karakorum mit einer kleinen Solarfirma in Islamabad korrespondiert, die uns eine nach gemeinsamen Ideen geplante Solaranlage zur Stromversorgung im Basislager zusammenbaute. Die Übergabe (auf dem zweiten Bild zu sehen) war ein erstes Highlight: Jeder der Firmenangehörge stand parat um uns Glück zu wünschen – Begeistertung pur!

Natürlich ist auch die Basisverpflegung zu organisieren: der Bazar von Rawalpindi ist der ideale Ort um so ziemlich alle Nahrungsmittel zu finden, die man bei einer achtwöchigen Unternehmung braucht. Auch hier nette Begegnungen an allen Ecken.

Während das große Gepäck über den Karakorum-Highway in den Norden von Pakistan reiste, konnten Nancy und ich mit etwas Glück einen Flug am Nanga Parbat vorbei nach Skardu bekommen. In diesem betriebsamen Städtchen am Beginn des Anmarsch-Trekking konnten wir entspannt die letzten Einkäufe und das Expeditionsbriefing erledigen.

Zudem hatten wir sogar noch Zeit, ein Polospiel zu besuchen. Als die ersten Ausländer in diesem Sommer wurden Nancy und ich am Poloplatz mit freundlichen „Welcome“-Rufen begrüßt; – was eine Überraschung. Nancy war übrigens die einzige Frau am Poloplatz – neugierig-freundliche Gesichter überall.

Nachdem am nächsten Tag alles gepackt, organisiert und auf die Jeeps verladen war, konnte die Fahrt zum Beginn des Anmarsch-Trekking beginnen. Mit zwei Jeeps erreichten wir nach 6 Stunden wilder Fahrt entlang das Braldu-Fluss das Dorf Askole auf 2950 m. Ab hier waren wir für 2 Monate zu Fuß unterwegs.

Der Anmarsch zum Gasherbrum VI im Karakorum

Nach insgesamt über 100 Kilometern Trekking durchs Karakorum und den 60 Kilometer langen Baltoro-Gletscher hinauf erreichten wir mit unserem Koch Ehsan, unserem Verbindungsoffizier Karim, einigen Balti-Trägern, ein paar Eseln, acht Hühnern und zwei Ziegen unser südseitiges Basislager am Gasherbrum VI. Wie immer nach den langen Anmarsch-Tagen mit Staub, Hitze, Regen und Schneefall fiel uns der Abschied von den lieb gewonnen Trägern schwer. Sie verrichten mit ihren 25 kg Lasten und zusätzlichem persönlichen Gepäck eine unglaublich harte Arbeit und bieten einem – trotz dem wenigen was sie haben- immer noch etwas an: Selbst gebackene Tschapatis, Milchtee oder getrocknete Aprikosen.

Ihre Schuhe, Bekleidung oder Rucksack-Traggestelle sind im Verhältnis zur Hightech-Ausrüstung von uns westlichen Bergsteigern unvorstellbar schlecht. Zwar kamen sie zur Versorgung ihrer medizinischen Sorgen zu uns, trotzdem waren sie nach den zumeist über 20 Kilometer langen Tagesetappen immer vor uns an den Lagerplätzen. Obendrein hatten sich sich, bevor wir ankamen, schon in ihren Steinmäuerchen und den darüber gespannten Plastikplanen eingerichtet. Dort saßen und lagen sie eng beieinander, kochten Tee, lachten und sangen oftmals bis spät in die Nacht hinein.

 

Denjenigen, die so etwas noch nie gesehen haben und gerne beim Trekking unterwegs sind, kann ich nur empfehlen einmal in ihrem Leben unter den berühmten Granittürmen der Baltoro-Riesen hindurchzuwandern: Trango Towers, Nameless Tower, Masherbrum, Muztagh Tower, GIV, und Dutzenden anderen mehr. Für mich ist das Karakorum eine der großartigsten Landschaften der Erde.

Der Gasherbrum VI

Nachdem wir uns in unserem Basislager eingerichtet und etwas besser akklimatisiert hatten, suchten Nancy und ich einen Weg durch den komplizierten Eisfall, der uns in ein enges, noch nie zuvor betretenes Gletscher-Hochtal führte. Dort verbrachten wir zunächst auf der kleinen Mittelmoräne zur besseren Akklimatisation zwei Nächte und erkundeten den weiteren Weg bevor wir zur Erholung wieder ins Basislager abstiegen.

Bei unserem zweiten Aufstieg stiegen wir von unserem Gletscher-Hochtal über eine steile, Serac-durchsetze Steilrinne auf. Mit Eis-Aufschwüngen von bis zu 70 Grad und den schweren Rucksäcken waren wir gut gefordert. Auf einer Höhe von 6.200 m erreichten wir im Südgrat des Gasherbrum VI einen Sattel, auf dem  wir unser kleines Mini-Zelt aufstellen konnten. Von hier aus sah der Gipfel schon verlockend nahe aus, obwohl noch 800 Höhenmeter zu klettern waren.

Wir sahen zwei Möglichkeiten, das Felsband etwas oberhalb zu überklettern und über Mixed-Gelände weiter in Richtung Gipfel zu steigen. Nach zwei Nächten zur besseren Akklimatisation versuchten wir zunächst einen direkten Aufstieg oberhalb unseres Lagerplatz. Leider wurde die Schneeauflage immer schlechter und 200 Höhenmeter oberhalb des Sattels standen wir knietief in zuckerähnlichem Schnee. Dieser hatte kaum Verbindung zu den Marmor-ähnlichen Felsplatten darunter. Ein Anbringen von Sicherungshaken in diesem von Zuckerschnee überzogenen Felsriegel war uns unmöglich.

So versuchten wir weiter rechts unterhalb eine bessere Möglichkeit zu finden: Leider war auch dort diese Kombination aus Zuckerschnee und äußerst plattigem Fels. Wir konnten kaum vernünftige Standplätze bauen, um den Voraussteigenden zu sichern. An einer Stelle sicherte ich mich an einem im Schwimmschnee hineingesteckten Firnanker und Nancy stand 10 Meter über mir mit den Frontzacken auf abschüssigen Felsplatten und versuchte mühsam, einen Haken zu schlagen. Leider ohne Erfolg. Von hier aus war auch zu erkennen, dass es oberhalb des Felsbandes in ähnlicher Form weitergehen würde. Ein Vorwärtskommen weiter anzuschieben wäre leichtsinnig gewesen und zu weit außerhalb eines noch akzeptablen Risikos gelegen. So stiegen wir enttäuscht zu unserem ersten Lagerplatz ab und in der Kälte des nächsten Morgens zurück ins Basislager.

Wie es weitergeht und wie die Besteigung des 7000er Praqpa Ri in unmittelbarer Nachbarschaft zum K2 verläuft, erfahrt Ihr im zweiten Teil.

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