„Wir müssen von Zeit zu Zeit eine Rast einlegen und warten, bis uns unsere Seele wieder eingeholt hat.“
(Indianische Weisheit)

Im September/Oktober 2015 war ich aufgebrochen um die frühere Heimat meiner Partnerin Nancy Hansen reisender und kletternder Weise etwas besser kennen zu lernen. Neben einigen Plätzen im Westen Kanadas wollten wir auch Freunde weiter südlich besuchen und reisten dazu durch Washington, Oregon und Idaho – drei Bundesstaaten im Nordwesten der USA.
Zu dieser abwechslungsreichen Reise habe ich Euch einige Bilder und diesen Bericht mitgebracht. Wie das Eingangszitat schon erahnen lässt, ist es mir nach vielen Jahren des Unterwegs-Seins inzwischen wichtig nach einigen Kilometern Reise wieder ein paar Tage kletternde „Pause“ einzulegen. Für mich die schönste Art einer Landschaft, deren Menschen und Gepflogenheiten etwas näher zu kommen.

Mit 8 Stunden Zeitverschiebung, entsprechendem Jetlag und noch etwas wackeligen Beinen machen wir uns gleich am ersten Morgen nach meiner Ankunft in Kanada zum Mount Yamnuska (2240 m) auf. Ab dem späten Nachmittag sollte sehr durchwachsenes Wetter Canmore, das Bow Valley und deren Umgebung für einige Tage fest im Griff haben und so wollten wir zumindest am ersten Tag eine alpine Kletterroute angehen. Nach einer halben Stunde Fahrt zurück in Richtung Calgary sticht diese 250 m senkrechte bis überhängende Kalkwand aus den umliegenden Aspen- und Nadelwäldern heraus. Eine knappe Stunde sind es bis zum Wandfuß hinauf, wo ich froh bin, dass Nancy diesen hochalpinen Klettergarten fast wie ihre Westentasche kennt. Die Einstiege zu einer Hundertschaft von Mehrseillängenrouten sehen auf den ersten Blick alle etwas ähnlich aus. Trotzdem landet Nancy einen Volltreffer und schon sind wir im Aufstieg.

Für mich die erste Mehrseillängenrouten-Route seit drei Monaten, seit einer umfangreichen Schulter-OP Ende Juni und seither ca. 40 mal Physio-Therapie. Und so bin ich auch froh, dass Nancy im ungewohnten Gelände heute vorsteigt. Und die meisten der Zwischensicherungen selbst anbringt. Die ersten beiden Seillängen klettern wir im T-Shirt. Wieder eine Seillänge später rollt schon -Ihr werdet es Euch denken- das angekündigt Schlechtwetter heran. So schnell wie es anfängt zu regnen und nach kurzer Zeit zu schneien beginnt, können wir gar nicht schauen.

Rapp zapp ist der Fels erst nass, dann angezuckert und Nancy ist im Vorstieg voll gefordert. Glücklicherweise war die erste Niederschlagswelle nur ein Vorbote des herannahenden Tiefdruckgebiets und so drückt kurz nach Erreichen des Gipfelgrats wieder die Sonne durch.

Unser nächstes Ziel nach einigen nassen Tagen in und um Canmore waren die Quarzitfelsen am alpinen Ende des kanadischen Bilderbuchsees Lake Louise. Mit rasch weniger werdenden Spaziergängern aus aller Herren Länder starten wir entlang der nordseitigen Seepromenade des Sees. Nach kurzer Zeit bleiben einige Wanderer und wenige andere Kletterer übrig, mit denen wir uns für den Rest des Tages die zahlreichen Routen „hinter dem See“ teilen. Der etwas gewöhnungsbedürftige Fels stellt sich sehr rasch als doch ganz griffig und abwechslungsreich heraus und so genießen wir nach wenigen Aufwärm-Routen einige Seillängen, die ich teilweise als genial bezeichnen möchte. Neben dem Spaß am Klettern spüre ich, dass meine operierte Schulter allmählich wieder in Gang kommt und das Selbstvertrauen und die Kraft wieder zunimmt.

Zwei Tage später fahren wir über den Rogers Pass und Revelstoke ins Okanogan Valley in die Nachbarprovinz von Alberta – nach British Columbien. Ich bin von den Socken: Obstbäume gedeihen hier, auf einmal wird es richtig warm und die Nachmittage im nächsten Kletter- und Hiking-Gebiet „Skaha-Bluffs“ sind trotz Frühherbst fast noch zu heiß. Die Wanderungen genauso wie die Sportklettertouren verteilen sich auf drei parallel verlaufende Canyons, die über abwechslungsreiche Trails miteinander verbunden sind.

Für den Kraftaufbau meiner lange verletzten Schulter waren die bis zu 30 Meter hohen Sportkletterrouten genau richtig. Die scharfkantigen Leisten im Quarz übersäten Gneis waren auch nach kurzen Regenschauern an den Nachmittagen rasch wieder trocken und so genossen wir fünf kurzweilige Tage oberhalb des dunkelblauen Skaha-Sees. Für Euch noch ein Geheimtipp am Rande: in Okanogan-Falls am Südende des Skaha-Lakes gibt es ein Eiscafé mit einer Monster-Auswahl und Riesenportionen. Mein Favorit: Schwarzes Lakritze Eis!

Wir fuhren weiter in den US-Bundesstaat Washington und wollten dort unbedingt einen Abstecher nach Levenworth machen. Diese leicht „schräge“ Ortschaft imitiert bis auf Details oberbayrisch-alpenländische Dorfidylle und ist damit an Kitsch kaum zu überbieten.

Dafür waren die weitverteilten Sportklettereien mit zum Teil auch längeren Zustiegen um so besser. Granit vom Feinsten mit tollen Rissen – in einer wunderschönen Landschaft. Trotz aller  Begeisterung beim Klettern: 2 Millionen Touristen pro Jahr bei 2000 Einwohner wird einem auch auf dem Campingplatz schnell „too much“ und so fuhren wir weiter nach Oregon.

Ein Jugendfreund von mir lebt mit seiner Familie seit vielen Jahren im fast schon als „grün“ zu bezeichnenden Städtchen Corvallis. Keine Plastiktüten in den Supermärkten, jede Menge Bio- und Organic-Läden, gesundes Klima und Mountainbike-Möglichkeiten ohne Ende verbreiten hier eine andere Idylle als weiter nördlich in Mimikry-Bayern. Beim Mountainbiken kann man so ziemlich alles finden was sich das Biker-Herz wünscht: steile Single-Trails eigens angelegt für jeden Schwierigkeitsgrad, wilde Urwald-Abfahrten und unglaublich sportlich-aktive Menschen.

Die Tage bei Stefan, seiner Frau Dio und den Kids Dahlia und Mailo vergingen viel zu schnell und der Abschied in Corvallis fiel uns wieder sehr schwer. Glücklicherweise hatten Stefan und Dio noch zwei Tage Zeit uns in den „Smith Rock State Park“ zu begleiten. In diesem Geburtsort des Sportkletterns in den USA findet man steil aufragende Felstürme entlang des Crooked Rivers.

Berühmt ist der Monkey Face, eine über 100 m hohe, auf allen Seiten überhängende Felssäule in der Form eines Affenkopfs – attraktiv sowohl für Wanderer als auch für uns Kletterer. An einigen der über 1800 Kletterrouten in Smith Rock fanden wir unsere helle Freunde. Zumeist gut abgesichert bieten die Klettereien trotz großer Beliebtheit immer noch rauen Fels.

Irgendwann hieß es dann doch Abschied nehmen von unseren Freunden, für Nancy und mich ging es allmählich zurück in Richtung Osten – aber erst mal noch in den Bundesstaat Idahoo. Von City of Rocks hatte ich schon in jungen Jahren gelesen und war wirklich gespannt auf dieses traditionsreiche Wander- und Granit-Klettergebiet. Jeder Besucher des gleichnamigen State Parks, der vom California Trail durchzogen wird, bekommt seinen eigenen kleinen Privatcampingplatz.

Da Nancy schon einige mal hier war, wusste sie natürlich genau, wo die schönsten Plätze sind – in einer Gegend wo schon die Shoshonen und Bannock-Indianer ihre Zelte stehen hatten. Über ein spärlich markiertes Wanderwegenetz  erreicht man die meisten der Kletterrouten  – ein wenig Orientierungsvermögen ist nicht schlecht um die vielen Granittürme auf der Ideallinie zu umkurven.

Und wieder war ich total begeistert von den Klettereien, die an Vielfalt kaum zu überbieten sind. Alles ist zu finden: ob steile Platten-, Riß- oder Bierhenkelklettereien – die Qualität der meisten Routen und vielmals auch deren Absicherung sind kaum zu überbieten. Ebenso im nebenan liegenden Castle Rock State Park, wo wir einen letzten Klettertag auf unserem vierwöchigen Rundtrip verbrachten.

Es ging zurück in Richtung Canada – einige Tage wollten wir noch mit Freunden in Nancy‘s früherem Heimatort Canmore verbringen. Da es aber zum Teil schon bis ins Tal herunter schneite konnten wir immer nur kurze Kletterausflüge unternehmen: zwei Mal zum Grassi Lake oberhalb Canmores und einmal nach Kananaskis zum Barrier Crag. Im Tiefblick zum Barrier Lake wurde mir erstmals bewusst, dass die Blätter der meisten Bäume in Kanada im Herbst nicht wie bei uns alle möglichen Farben annehmen, sondern ein relativ einheitliches goldgelb die Landschaft einfärbt.

Zu den steilen bis stark überhängenden Kletterrouten beim Grassi Lake führt übrigens einer der populärsten Wanderungen des Bow Valleys. Aber nicht nur die zumeist sehr fitten Kletterer sind dort oben die Attraktion sondern der tieftürkisblaue See, in dem sich die umliegenden Gipfel spiegeln. Eine absolute Schau an einem windstillen Tag!!

Sechs geballt volle und wunderschöne Wochen neigten sich ihrem Ende entgegen. Es ging im Schneetreiben noch zurück nach Calgary und dann ab in den Flieger. Den ersten Vortrag der Saison hatte ich mir auf einen Tag nach Rückkehr von Kanada gelegt. Ich glaube meine Beine waren vom Jetlag genauso wackelig wie zu Anfang bei der ersten Klettertour am Mt. Yamnuska. Nur war ich von der unglaublich schönen Reise deutlich entspannter.